ZEIT ONLINE: Sie haben sich bereits vor dem Berliner Attentat mit neuem islamistischem Terror beschäftigt. Welche Bedeutung hat der für die Arbeit der Polizei?

Jennifer Gleixner: Früher hat man schwerpunktmäßig versucht, einen möglichen Terroristen während der Planung und Vorbereitung zu stoppen. Bei Einzeltätern ist hingegen der Zeitraum unmittelbar vor dem Anschlag wesentlich, um sie aufzuhalten. Deshalb gewinnen mögliche Anschlagsziele für die Verhinderung von Attentaten zunehmend an Bedeutung.

ZEIT ONLINE: Sie haben erforscht, wie sich islamistischer Terrorismus in den vergangenen Jahren verändert hat. Was ist Ihnen aufgefallen?

Gleixner: Heute ist jeder Ort, an dem beispielsweise Menschen zusammenkommen, ein mögliches Anschlagsziel. Außerdem werden nicht mehr nur Schusswaffen und Sprengstoffe, sondern zunehmend auch Alltagsgegenstände als Waffen genutzt, wie etwa Autos oder Messer, die einfach zu beschaffen sind. Auch die Täter verändern sich. Im vergangenen Jahr hat ein Zwölfjähriger in Ludwigshafen versucht, einen Sprengstoffanschlag zu begehen. In Hannover hat eine 15-Jährige einen Polizisten mit einem Küchenmesser attackiert. Es gibt ausländische Täter ebenso wie homegrown terrorists, Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und sich radikalisieren. Sie wissen deshalb genau, wie sie sich gesetzes- und sozialkonform verhalten und sind unauffällig. Der Araber im Totengewand, der erst ein Gebet spricht und dann eine Bombe zündet, ist ein Stereotyp, das nicht zutrifft. Deshalb hilft es uns auch nicht bei der Arbeit.

ZEIT ONLINE: Wie fällt denn ein Terrorist auf einem Weihnachtsmarkt oder einem Bahnhof auf?

Gleixner: In der Wahrnehmungs- und Verhaltenspsychologie zeigen die derzeitigen Ergebnisse, dass sich die Absichten von Tätern am Verhalten erkennen lassen. Stellen Sie sich einen Bahnhof vor. An einem Montagmorgen sind die Menschen dort hektisch, sie laufen zielstrebig über den Bahnsteig. An einem Samstagnachmittag stehen dort mehr Grüppchen, es ist ruhiger. Je nach Kontext ist unterschiedliches Verhalten normal. Trotzdem stellen Sie schnell fest, wenn sich jemand anders verhält. Das können dann Personen sein, die über etwas hinwegtäuschen wollen. Sie wollen besonders unauffällig sein, fallen aber gerade dadurch auf. Sie zeigen verzögerte Reaktionen, oder sie laufen ziellos umher. Viele verfallen in Übersprungshandlungen, sie kratzen sich sehr häufig am Hals oder fahren sich ständig durch die Haare. Es gibt natürlich kein Verhalten, das eindeutig einen Attentäter identifiziert. Es geht immer nur darum zu schauen, wer will über etwas hinwegtäuschen? Das kann dann natürlich auch ein Taschendieb sein oder jemand, der dabei ist, seinen Partner zu betrügen.

ZEIT ONLINE: Kann es nicht auch jemand sein, dem es am Hals juckt?

Gleixner: Natürlich. Es geht immer um eine Summe von Verhaltensauffälligkeiten.

ZEIT ONLINE: Die Polizei Rheinland-Pfalz will Ihre Erkenntnisse für die taktische Arbeit und die Ausbildung nutzen. Wie sieht das aus?

Gleixner: Die Sicherheitsbehörden haben bereits zahlreiche Maßnahmen getroffen, um mögliche Zielorte sicherer zu machen. So werden beispielsweise einige Großveranstaltungen abgesperrt, es gibt Einlasskontrollen und mehr Polizei vor Ort. In Teilen wird die Videoüberwachung ausgeweitet. Diese und weitere Maßnahmen setzen wir als Polizei natürlich nicht alleine um, sondern wir müssen auch immer Sicherheitsdienste, Feuerwehr und Ordnungsämter einbinden, die auf Veranstaltungen arbeiten. Wir werden nun die Erkenntnisse nutzen und unsere bestehenden Konzepte und Maßnahmen weiter anpassen. Genauer kann ich auf die Taktik sowie Ausbildung aber nicht eingehen.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch untersucht, ob man die Bevölkerung in die Früherkennung von Attentätern einbinden kann. Geht das?

Gleixner: Die Frage habe ich mir so gar nicht mehr gestellt. Wir müssen sie einbinden. Ein Anschlag ist theoretisch überall möglich, nur mithilfe der Bevölkerung können wir überall aufmerksam sein. Es gibt Initiativen wie "Vorsicht, wachsamer Nachbar", um Einbrüche zu verhindern. Das funktioniert gut, denn die Menschen wissen selbst am besten, wie das Normalverhalten in ihrer Nachbarschaft aussieht. Und jemand, der im Sommer alle zwei Wochen auf einem Festival ist, wird schnell feststellen, wie sich Festivalbesucher normalerweise verhalten: Sie sind in Grüppchen unterwegs und feiern ausgelassen. Wenn dort nun eine einzelne Person auf einem Campingplatz kaum aus seinem Zelt herauskommt und vielleicht auch noch ständig große Taschen hin- und herträgt, wird ihm das auffallen.