In Tunesien ist es in der dritten Nacht in Folge zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Allein in der Nacht zu Donnerstag habe die Polizei landesweit 328 Menschen festgenommen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Sie hätten öffentliches oder privates Eigentum beschädigt oder sich an Plünderungen beteiligt. Einigen werde auch Brandstiftung oder die Errichtung von Straßenblockaden vorgeworfen. Insgesamt wurden seit Beginn der Proteste mehr als 600 Menschen festgenommen.

Die Proteste richten sich gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Sparpolitik der Regierung. In der nordtunesischen Stadt Siliana bewarfen nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP Jugendliche in der Nacht zu Donnerstag Sicherheitskräfte mit Steinen und Molotow-Cocktails. Die Polizei setzte Tränengas ein. In Kasserine im Zentrum des Landes zündeten junge Demonstranten demnach Reifen an, um Straßen zu blockieren. Sie bewarfen die Polizei mit Steinen.

Auch in Vororten der Hauptstadt Tunis setzte die Polizei wieder Tränengas ein. Auf Videos, die in den sozialen Netzwerken kursieren, ist zu sehen, wie teils vermummte Menschen Straßensperren errichteten und anzündeten und Supermärkte ausräumten. Ähnliche Szenen spielten sich in Sidi Bouzid und in Tebourba westlich der Hauptstadt ab.

Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Staatsschulden

Ministerpräsident Youssef Chahed hatte zu Beginn der Proteste um Verständnis für Streuerhöhungen gebeten. Die Lage sei außergewöhnlich und das Land habe Probleme. "Aber wir glauben, dass 2018 das letzte schwierige Jahr für die Tunesier wird", sagte Chahed. Der Schritt würde helfen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Später warf Chahed kriminellen Netzwerken und Oppositionspolitikern vor, die Unruhen anzustacheln.

Nach der Revolution 2011 hatte Tunesien weitreichende demokratische Reformen eingeleitet. Der Staat gilt als Musterland des sogenannten Arabischen Frühlings. Die wirtschaftlichen Probleme sind allerdings weitreichend: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, fast jeder Dritte Hochschulabsolvent findet keine passende Anstellung. Die Staatsverschuldung ist auf knapp 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts gestiegen. Islamistische Organisationen versuchen, von der Situation zu profitieren, was wiederum Investoren abschreckt.