Papst Franziskus hat die scheidende und die künftige Regierung Chiles zum Einsatz für die Jugend und die indigenen Völker des Landes aufgefordert. Demokratie dürfe keine Formalie bleiben, sagte er in Santiago vor Regierungsvertretern und Diplomaten. Gerade die alteingesessenen Völker seien "oft vernachlässigt" worden, sagte Franziskus mit Blick auf die Mapuche. Dabei könne man von ihrer Weisheit lernen, "dass es keine Entwicklung für ein Volk gibt, das der Erde und allem und allen, die es umgeben, den Rücken kehrt", sagte Franziskus.

Bei einem anschließenden Gottesdienst mit etwa 400.000 Menschen in einem Park der Hauptstadt rief der Papst auch die Bevölkerung zum friedlichen Aufbau eines "neuen Chile" auf. Es gelte, sich "die Hände schmutzig zu machen und dafür zu arbeiten, dass andere in Frieden leben können", sagte Franziskus. In seiner Predigt zitierte er Santiagos früheren Kardinal Raúl Silva (1907–1999): "Wenn du Frieden willst, arbeite für Gerechtigkeit." Resignation, lähmende Bewegungslosigkeit sowie Flucht vor Problemen kritisierte der Papst.

Es ist der erste Besuch eines Papstes in Chile seit 1987. Die Straßen Santiagos waren an einigen Stellen von Menschen gesäumt. Viele waren mit Fahnen unterwegs.

Papst bittet Missbrauchsopfer um Verzeihung

Doch schon seit Tagen sorgt der Besuch des Papstes auch für Kritik und Proteste. Vertreter aus Armenvierteln kritisierten, Menschen aus einkommensschwachen Vierteln hätten kaum Gelegenheit, Franziskus zu sehen.

Auch kam es bereits am Montagabend zu Demonstrationen gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. Franziskus sprach das Thema bei seiner Rede an und bat die Opfer und Angehörigen um Verzeihung. "Ich kann nicht umhin, den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich im Angesicht jenes nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern durch Geistliche zugefügt worden ist", sagte er und erhielt dafür langen Beifall.

Während Franziskus in Santiago sprach, versammelten sich laut dem chilenischen Nachrichtenportal 24 Horas auf einer Hauptstraße im Süden der Metropole zahlreiche Demonstranten, die mit einem "Marsch der Armen" gegen die Visite des Kirchenoberhaupts protestieren wollten. Andere Quellen sprachen von rund 250 Teilnehmern. Die Polizei habe Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Sechs Menschen seien festgenommen worden. Über mögliche Verletzte gab es keine Berichte.

Proteste und brennende Kirchen

Wenige Stunden nach der Ankunft des Papstes wurden durch Brandanschläge auch zwei Kapellen nahe der südchilenischen Stadt Cunco zerstört. Bereits am Wochenende gab es mehrere Brandanschläge auf Kirchen in Santiago. Die Täter hatten Flugblätter hinterlassen, in denen auch Autonomieansprüche der Mapuche unterstützt werden.

Auch im Süden Chiles gab es Proteste. Dabei wurden etwa 30 Personen festgenommen. Die Demonstrationen richteten sich gegen die scheidende Regierung der Sozialistin Michelle Bachelet, die dem Papst nicht das richtige Bild der chilenischen Realität zeige. Örtlichen Medienberichten zufolge schlossen sich auch einige Pro-Mapuche-Demonstranten den Protestzügen an.

Vor dem Besuch des Papstes hatten sich auch Angehörige der Vereinigung vermisster Opfer aus der Militärdiktatur Pinochets an den Papst gewandt und um Mithilfe gebeten. Drei Vertreter der Organisation werden Franziskus voraussichtlich am Donnerstag treffen. Der Papst solle den Militärs mitteilen, "dass es ein Ende haben muss mit den geheimen Absprachen und dem Verschweigen. Wir wollen wissen, wo unsere Angehörigen sind – ohne Ausnahme", sagte einer der Opfervertreter.

In Chile wurden während der Diktatur nach offiziellen Angaben etwa 33.000 Menschen aus politischen Gründen eingesperrt und gefoltert. Etwa 3.200 starben an den Folgen staatlicher Gewalt, 1.192 verschwanden spurlos.