In der fünften Stunde seines Plädoyers hat Jörn Hauschild genug. Im Verhandlungssaal des Terrorprozesses gegen die Gruppe Freital hat der Oberstaatsanwalt immer wieder aus Chatprotokollen der Angeklagten zitiert. Syrer wurden dort zu "Bimbos", die im "Kanackenhaus" wohnen, und die man "am nächsten Lichtmast aufknüpfen" müsse. Nach ihren Sprengstoffanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte beobachteten die Täter aus sicherer Entfernung die Panik der verängstigten Bewohner und machten sich im Chat darüber lustig: "Das sieht so geil aus", schrieb einer.

Hausschild  hält kurz inne. "Ich wiederhole das jetzt nicht noch mal", sagt er und springt zum nächsten Absatz seines Plädoyers.

Jene, die diese menschenverachtenden Worte in ihre Smartphones tippten, sitzen nur wenige Meter von Hauschild entfernt: Die acht Angeklagten der Terrorgruppe Freital, sieben Männer und eine Frau aus der sächsischen Kleinstadt, zur Tatzeit zwischen 19 und 39 Jahre alt – ihre letzten beiden Geburtstage feierten sie in Untersuchungshaft.

Die Staatsanwaltschaft sieht es als erwiesen an, dass die Angeklagten zwischen September und November 2015 mit illegalen Böllern aus Tschechien in Freital mehrere Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verübten, das Büro eines Linkspolitikers angriffen, sein Auto sprengten. In Dresden attackierten sie, verstärkt durch Mitglieder der freien Kameradschaft Dresden, ein linkes Wohnprojekt mit Böllern, Steinen und Buttersäure.

Kennengelernt hatte sich die Gruppe im Sommer 2015auf Demonstrationen vor einem Asylbewerberheim. Tagsüber gingen sie arbeiten, nach Feierabend verbreiteten sie als rechtsextreme und rassistische Gruppe Angst und Schrecken. Mit Gewalt, meist im Schutz der Dunkelheit. Ihre Werkzeuge: illegale Sprengkörper. Ihr Netzwerk: Kakaotalk, eine koreanische App für verschlüsseltes Chatten. Ihr Treffpunkt: eine Freitaler Tankstelle. Ihr Motiv: Hass auf fremde Menschen und alle, die sich für sie einsetzten.

Vor fast einem Jahr verlas Hauschild die Anklage, seitdem lud das Dresdner Oberlandesgericht viele Zeugen: Ermittlungsbeamte, Sprengstoffexperten, die Syrer aus der Unterkunft, die jungen Linken aus dem Wohnprojekt. Die für die Ermittler unschätzbar wichtigen Chatprotokolle wurden ausgewertet. Polizeibeamte schilderten, wie sie die Speicher von Computern und Smartphones oder die Wohnungen der Angeklagten durchsucht hatten. Es zeigte sich, wie nachlässig die Polizei vorging: Hinweise auf die Gesinnung der Verdächtigen wurden ignoriert, etwa eine Reichskriegsflagge nicht beachtet.

Nun, nach 65 Verhandlungstagen in dem von einer Flüchtlingsunterkunft zum Gerichtssaal umgebauten Raum, hat die Bundesanwaltschaft Haftstrafen beantragt. Die als Rädelsführer angeklagten Timo S. und Patrick F., sowie der an der Grenze der Rädelsführerschaft eingestufte Philipp W. sollen zwischen neuneinhalb und elf Jahren ins Gefängnis. Für die weiteren Angeklagten Maria K., Mike S., Justin Sch., Sebastian Ws. und Rico K. wurden zwischen fünf und siebeneinhalb Jahren beantragt. Der 20-jährige Sch. soll fünf Jahre in Haft. Für ihn gilt das Jugendstrafrecht, das die erzieherische Wirkung des Strafprozesses vor die Bestrafung stellt.

Die Freitaler Bürgerwehr attackierte dieses, von Flüchtlingen bewohnte Haus mit Sprengsätzen. © Tilman Steffen

Die Richter werden weitere Plädoyers hören, die Argumente der Nebenkläger und Strafverteidiger in ihr Urteil einbeziehen und die Ereignisse noch einmal bewerten: Die Angeklagten F. und Sch. gestanden ihre Taten öffentlich. Sch. tat das trotz Gegendruck aus der Gruppe, zudem bat er die Geschädigten um Entschuldigung.

Zu entscheiden hat das Gericht, ob die Gruppe Freital tatsächlich eine terroristische Vereinigung war. Hinzu kommt die Frage, ob der Vorwurf des versuchten Mordes berechtigt ist. Am Ende des Prozesses wird es eine Antwort geben auf die Frage, wo die Grenze zwischen Gewaltkriminalität und Terror verläuft.

Insgesamt wurden durch die Anschläge zwei Menschen verletzt: ein Bewohner des linken Wohnprojekts und ein Syrer in einer der Unterkünfte. Der Sachschaden durch die Anschläge auf Autos, das Büro und die Wohnräume blieb bei einem vierstelligen Betrag. Verglichen mit dem zweiten großen Rechtsterrorprozess in München sind die Taten weniger folgenreich – die NSU-Terroristen töteten zehn Menschen. Sie nutzten eine Waffe. Die Freitaler Gruppe dagegen improvisierte mit illegalen Böllern, auch mangels Geld, wie Hauschild sagte.