Die Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hat Deutschland davor gewarnt, den Holocaust und die Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. "Man kann es der heutigen Generation nicht verübeln, dass sie sich nicht mehr mit den Verbrechen identifizieren will", sagte Lasker-Wallfisch bei der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus. "Aber ein Leugnen darf nicht sein." Dabei gehe es nicht um Schuldgefühle, sondern um die Sicherheit, "dass so etwas nie wieder passieren darf".

Die 92-Jährige warnte auch vor neuer Judenfeindlichkeit. "Antisemitismus ist ein 2.000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar", sagte sie in ihrer Rede. "Nur sagt man heute nicht mehr unbedingt Juden. Heute sind es die Israelis." Dabei fehle es häufig am Verständnis der Zusammenhänge. "Was für ein Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssen."

Der Bundestag gedachte am Mittwoch der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen. Seit 1996 gedenken die Deutschen jeweils an diesem Tag der Millionen Opfer des Holocausts. 

Lasker-Wallfisch erinnerte sich daran, wie die Judenverfolgung in den 1930er Jahren ihrem Familienleben ein jähes Ende setzte. "Das Idyll war zu Ende. Radikale Ausgrenzung. 'Juden unerwünscht' war überall zu lesen", sagte Lasker-Wallfisch im Bundestag. "Wir mussten unsere Wohnung räumen und zurück ins Mittelalter: Wir mussten den gelben Stern auf unserer Kleidung tragen."

Die Eltern der drei Geschwister seien im April 1942 deportiert worden, schilderte Lasker-Wallfisch. "Wir wollten selbstverständlich zusammenbleiben, mitgehen. Aber unser Vater sagte weise Worte: Nein, da wo wir hingehen, kommt man zeitig genug hin." Beide Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Auschwitz "als Rauch verlassen"

Lasker-Wallfisch überlebte das Vernichtungslager Auschwitz als Cellistin im Mädchenorchester. Die Mitglieder mussten unter anderem für das Lagerpersonal spielen. Im Frühjahr 1945 wurde sie gemeinsam mit ihrer Schwester Renate von britischen Truppen aus dem Lager Bergen-Belsen befreit. "Wer hätte gedacht, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden", sagte sie unter Bezug auf die Verbrennungsöfen. 

Ihr selbst sei danach alles Deutsche verhasst gewesen, sagte Lasker-Wallfisch, die nach England auswanderte und in London das English Chamber Orchestra mitbegründete. Sie habe sich geschworen, nie wieder zurückzukehren. Doch später änderte sie ihre Meinung und berichtet mittlerweile seit Jahren hierzulande von ihren Erfahrungen. "Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst."

Lasker-Wallfisch erinnerte auch die Situation im Herbst 2015, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. In der Zeit des Nationalsozialismus seien die Grenzen für Juden hermetisch geschlossen gewesen, sagte sie. Dass Deutschland die Grenzen für die Flüchtlinge offen gelassen habe, sei eine "mutige und menschliche Geste". Für ihre Rede erntete sie ausgiebigen Applaus aller Fraktionen. Die Abgeordneten hatten sich von ihren Plätzen erhoben.

Warnung vor Gewaltkriminalität

"Wir glauben ja zu wissen, was gut und böse ist", hatte zuvor Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Ansprache gesagt. "Musikalische Empfindsamkeit und bestialische Grausamkeit; diesen Tätern war beides möglich." Schäuble warnte davor, sich auf die Beständigkeit demokratischer Institutionen zu verlassen. "Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Demokratie brauchen unser Engagement."

Schäuble rief Anfeindungen gegen Migranten und Muslime, das Verbrennen israelischer Flaggen und wachsende Gewaltkriminalität ins Gedächtnis. Er kritisierte, dass Juden heute im Alltag wieder antisemitische Anfeindungen erlebten und ihre Kippa unter Baseballkappen verstecken müssten. "Hetze und Gewalt dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben", warnte der Bundestagspräsident. "Wer Hass schürt, beutet die Verunsicherung, die Ängste von Menschen aus." Das freie, demokratische, rechtsstaatliche, friedliche Deutschland, sei "auf der historischen Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut".