In den vergangenen Tagen sind insgesamt neun Häftlinge aus dem Berliner Gefängnis Plötzensee ausgebrochen oder nicht in den offenen Vollzug zurückgekehrt: Am Donnerstag hatten vier Häftlinge im Alter von 27 bis 38 Jahren mit einem Trennschleifer und einem schweren Hammer die Gefängnismauer aufgebrochen und waren entkommen. Die vier Ausbrecher saßen wegen schwerer Körperverletzung, Diebstahls, Wohnungseinbruchs und Erschleichens von Leistungen in Haft. Einer von ihnen wäre bereits im März entlassen worden.

Einer der Häftlinge sei inzwischen zurückgekehrt, teilte Justizsenator Dirk Behrendt (Die Grünen) mit. Er habe sich in Begleitung eines Anwalts gestellt. Der Mann werde nun "in eine Anstalt mit höheren Sicherheitsvorkehrungen verlegt", sagte Behrendt.

Nach dem Ausbruch vom Donnerstag hatte Behrendt verstärkte Sicherheitsvorkehrungen angekündigt. Am Freitag wurde jedoch bekannt, dass ein weiterer Häftling nicht aus dem offenen Vollzug zurückgekehrt war. Am Montagmorgen flohen dann zwei weitere Häftlinge aus dem offenen Vollzug, einer der beiden meldete sich jedoch bereits zurück. Die beiden Freigänger verbüßten eine Ersatzfreiheitsstrafe.

Sie waren durch das Fenster einer Nachbarzelle ausgestiegen. "Dabei hätten sie das Gefängnis auch einfach am nächsten Morgen durch die Tür verlassen können", sagte ein Sprecher der Senatsjustizverwaltung. Die beiden Häftlinge saßen wegen mehrfachen Schwarzfahrens im offenen Vollzug, durften das Gefängnis also tagsüber verlassen, mussten aber hinter Gittern übernachten. Die Sicherheitsmaßnahmen im offenen Vollzug sind bei Weitem nicht so streng wie im üblichen Gefängnis.

Rücktrittsforderung auch vom Koalitionspartner

Am Dienstag wurde dann bekannt, dass auch am Samstag und am Sonntag je ein Häftling aus dem Gefängnis floh. Unklar war, ob die Männer tagsüber von einem genehmigten Ausgang nicht zurückkamen oder sich heimlich aus dem Gefängnis schlichen.

Behrendt sieht sich weiter mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf kritisierte: "Rot-Rot-Grün feiert Tage der offenen Tür für Gefangene. Justizsenator Behrendt hat das Prinzip des Vollzugs nicht verstanden. Die Verurteilten müssen einsitzen und sollten nicht draußen sein." Der Regierende Bürgermeister müsse den Senator entlassen. Ähnlich äußerte sich der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe.

Nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus der SPD, die gemeinsam mit der Linkspartei und den Grünen in Berlin regiert, wurden Vorwürfe gegen Behrendt laut. "Wer will nochmal, wer hat noch nicht? Das wäre eigentlich ein Rücktrittsgrund für einen Justizsenator", twitterte der Berliner SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck. Sein Genosse Tom Schreiber schrieb: "Die JVA Plötzensee erinnert mich immer mehr an ein Hostel. Dafür war und ist sie aber nicht bestimmt." Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) gab sich jedoch gelassen und teilte mit: "Der Justizsenator wird diesen Sachverhalt genau untersuchen. Wir erwarten im Senat seinen Bericht."

In der JVA Plötzensee mit 360 Insassen herrscht nur eine mittlere Sicherheitsstufe. Schwerkriminelle sind in Berlin vor allem in der JVA Tegel untergebracht. Dort liegt der letzte Ausbruch schon viele Jahre zurück. 1998 schmuggelt sich ein Mann mit einem Lieferwagen heraus.

Eigentlich gelten die Berliner Gefängnisse angesichts von mehr als 4.000 Häftlingen und seltenen Ausbrüchen als sicher. Aber viele der oft mehr als hundert Jahre alten Gebäude haben unübersichtliche Ecken und andere Probleme. "Sie würden so heute nicht mehr gebaut", sagt der Justizsenator.