Kurz vor Portsmouth streckt der Erlöser seinen rettenden Arm aus. "Es geht nur um Jesus", steht unter dem riesigen Plakat. Ergreift man seine Hand, wird alles gut. Ein Stück weiter, wo die Stadt tief im Süden Ohios beginnt, hat die Hoffnung ihren Preis: Die Suchenden können sich sieben Tage die Woche mehr oder weniger rund um die Uhr die Tarotkarten legen lassen – es ist nichts los, vom Werbeschild blättert die Farbe ab. Vielen hier helfen weder Jesus noch Weissagungen, sie finden keinen Trost mehr. Sie glauben nicht daran, dass Gott oder irgendeine andere Macht ihre Zukunft zum Besseren wenden kann. Sie glauben nur an die nächste Pille, den nächsten Schuss.

Geschluckt, geschnupft, gespritzt – ein ganzes Land ist abhängig von Opioiden, nie starben mehr Menschen in den USA an den Folgen einer Überdosis, Präsident Donald Trump hat im Oktober den nationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Besonders stark trifft die Drogenepidemie ländliche Gegenden wie Portsmouth. Hier nennen alle die Stadt nur die "Pillenfabrik Amerikas".

Justin ist hier geboren, er hat sein ganzes Leben in Portsmouth verbracht. Für ihn sind es eigentlich drei Leben. Er ist 35 Jahre alt, mehr als 20 davon war er abhängig von Oxycodon, einem synthetischem Opioid, das Ärzte bei starken Schmerzen verschreiben, etwa bei Krebserkrankungen. An seinen schlimmsten Tagen sind es 25 Pillen Oxycontin, die er zerstößt, um sie anschließend zu schnupfen. So setzt der Wirkstoff, insgesamt 750 Milligramm, sofort seine Wirkung frei. Nach einem dieser Exzesse hört Justin in der Nacht auf zu atmen. Seine Frau versucht ihn zu wecken, ruft in Panik seine Eltern an. Er wacht auf, bevor der Krankenwagen kommt. Eineinhalb Jahre ist das her. "Ich sollte eigentlich tot sein", sagt Justin, der seinen Nachnamen für sich behalten möchte. Seit 15 Monaten hat er keine Pillen mehr genommen.

Ein quadratischer Albtraum in Beige

Lisa Roberts bei der Arbeit © Rieke Havertz für ZEIT ONLINE

Vielleicht hat er es endlich geschafft. In einer ambulanten Entzugsklinik besucht Justin Einzel- und Gruppentherapien, bekommt Medikamente, die ihm helfen sollen, von der Sucht loszukommen. Es ist ein Kampf, das ist ihm auch heute anzusehen. Immer wieder nimmt er sein Basecap ab, streicht sich durchs kurze Haar, nimmt die Brille in die Hand, setzt das Basecap wieder auf, dann die Brille. Mit zwölf Jahren trinkt Justin das erste Mal Alkohol, schluckt kurz danach die erste Schmerztablette, nichts Hochdosiertes, gerade genug, um die Angst zu betäuben. "Ich wollte mich nur normal fühlen, und mit den Pillen hat das auf einmal funktioniert", sagt er. 

Justin wächst auf einer Farm auf, es ist keine arme Familie, keine mit Problemen, seine Eltern kümmern sich. Er lernt, richtig und falsch zu unterscheiden, wie er es nennt. Die Angstzustände beginnen, als Justin im Haus seiner Großmutter von einem angeheirateten Onkel missbraucht wird. Zwei Jahre lang, in unregelmäßigen Abständen. 20 Jahre lang erzählt er niemandem davon, seine Großmutter weiß es bis heute nicht, Justin will es ihr nicht aufbürden. Als ihn seine Eltern mit 14 Jahren das erste Mal mit Pillen erwischen, schiebt er die Schuld auf andere, auf den Druck in der Schule, wo ja alle zu den coolen Kindern gehören wollten. Es sind die neunziger Jahre, Schmerzmittel sind überall, jeder nimmt sie. "Sie standen doch stapelweise in jedem Arzneischrank", sagt Justin und nimmt das Basecap wieder ab.

Lisa Roberts’ Arbeitsplatz ist ein quadratischer Albtraum in Beige. Ein Computer, Drucker und ein paar Ordner haben Platz, für die Energie der 57-Jährigen ist der Raum zu klein. Die Krankenschwester arbeitet seit 20 Jahren für die Gesundheitsbehörde der Stadt, seit acht Jahren hat sie nur eine einzige Aufgabe: gemeinsam mit anderen Behörden und Organisationen die Drogenepidemie in der Region eindämmen – ein aussichtsloser Job. "Eine drogenfreie Stadt werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben." Roberts lacht, als sie das sagt. Es ist zynisch, sie weiß es selbst, und macht trotz Frust und Verzweiflung weiter. Aufgeben ist für sie keine Option.

Roberts hat erlebt, wie ihre Heimatstadt zur Pillenfabrik des Landes wurde, nachdem Mitte der neunziger Jahre Ärzte begannen, vermehrt Opioide als Schmerzmittel zu verschreiben. Ihre eigene Tochter hat bereits acht Entzugsversuche hinter sich. Gerade ist sie stabil und hat einen Job. "Wenn ich bei einer Sportveranstaltung in der Schule saß und über Kopfschmerzen klagte, wurde mir kein Aspirin angeboten, sondern direkt ein Opioid", sagt die Mutter. In Portsmouth öffneten Kliniken, in denen Ärzte die Rezepte gegen Bargeld ausstellten. Niemand kontrollierte oder regulierte sie. Ein lukratives Geschäft in einer Gegend, die sonst nicht mehr viel zu bieten hat. 20.000 Menschen leben heute noch hier, es waren mal mehr als 42.000. Aber da gab es auch die Schuhfabriken und das Stahlwerk noch. Mit ihnen verschwanden die Jobs. Keine Arbeit, keine Perspektive, "es gibt hier sehr viele verzweifelte Menschen", sagt Roberts.