Als Mouctar Bah vor dem Dessauer Bahnhofsgebäude steht, Mikro in der Hand, da wirkt er sichtlich bewegt. Er trägt ein T-Shirt mit dem Gesicht seines verstorbenen Freundes Oury Jalloh, darüber zwei dicke Jacken gegen die Januarkälte. "Bruder, du fehlst heute. Wir vermissen dich ganz doll", sagt er. Etwa viertausend Menschen haben sich auf dem Bahnhofsplatz versammelt, um Jalloh zu gedenken – und um den Staat anzuprangern, der seinen Feuertod vor 13 Jahren im Polizeirevier bis heute nicht aufgeklärt hat, sondern im Gegenteil womöglich sogar Schuld daran ist und Aufklärungen behindert. Die Ermittlungen sind seit Oktober eingestellt, eine Wiederaufnahme wird derzeit nach öffentlichem Druck geprüft. "Wir werden niemals aufgeben", fügt Bah hinzu. "Sie haben geglaubt, dass sie uns einschüchtern können, dass unser Leben keinen Wert hat. Aber wir werden jedes Jahr stärker und stärker, und entschlossener als zuvor." Die Menge jubelt.

Längst ist der Fall Oury Jalloh nicht mehr nur ein ungeklärtes Einzelschicksal. Viele haben den Kampf um Aufklärung zum Kampf gegen institutionellen Rassismus stilisiert. Sein Leid mit ihrem Leiden verwoben, ihn in eine Jahrhunderte alte Erzählung aus Sklaverei, Ausgrenzung und Unterdrückung gebettet. Jalloh war Asylbewerber aus Sierra Leone, ein Mann mit wenig Rechten und mit noch weniger Macht im Rücken. Auf der anderen Seite: der deutsche Staat in Gestalt von Polizeibeamten, die immer wieder falsche Aussagen machten oder schwiegen, Staatsanwaltschaften, die zwölf Jahre lang einen Selbstmord Jallohs unterstellten, und einer Generalbundesanwaltschaft, die Ermittlungen mehrmals ablehnte.

Triff einen, triff alle

Mit jedem Jahr wuchs die Wut darüber. So kam es, dass die Demonstranten am Wochenende aus ganz Deutschland nach Dessau angereist waren, allein fünf Busse kamen aus Hamburg, zwei aus Berlin, weitere aus Köln und Frankfurt. Viele weitere fuhren mit dem Zug. Am Ende waren es so viele Teilnehmer wie nie zuvor. Und so kam es auch, dass auf der Gedenkdemonstration Vergleiche zu Black-Lives-Matter-Protesten von Schwarzen in den USA gegen Polizeigewalt fielen, dass die Redner vom Wir sprachen, dass sie grundsätzliche Dinge sagten, wie: "Wir können nicht sterben, wir können nicht ermordet werden, weder körperlich, noch geistig, noch moralisch."

Dass Oury Jalloh ermordet wurde und Polizisten die Schuldigen sind, daran zweifelt hier keiner. Die Demonstranten stellen andere Fragen: Wem gehört der Rechtsstaat? Wer hat das Recht, als unschuldig zu gelten und Gehör zu bekommen? Wem wird am Ende Glauben geschenkt und wer wird im Zweifel geschützt? Die Antworten auf diese Fragen nehmen sie persönlich, denn: Viele Anwesenden hätten Oury Jalloh sein können, sagen sie. "Touch one, touch all", steht auf einem Banner. Triff einen, triff alle.

Am 7. Januar 2005 ging um 12.05 Uhr in der Polizeistation Dessau der Rauchmelder an. Es brannte in dem Keller, in dem in der Nacht zuvor Oury Jalloh in seiner Zelle an Armen und Beinen auf einer feuerfesten Matratze fixiert wurde. Die Beamten, so erfährt man aus späteren Vernehmungen, drückten den Alarm zunächst zweimal weg. Um 12.11 Uhr erfolgte der erste Notruf. Am Telefon zeigte sich die Polizeimitarbeiterin unentschlossen, ob auch die Feuerwehr anrücken solle. So hört man es auf der Tonaufnahme, die die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh veröffentlicht hat. "Ja, Feuerwehr och", sagte sie schließlich.

Drei Ermittler, die ihren Job nicht tun

Unabhängig davon, ob Jalloh sich in seiner Zelle selbst angezündet hat oder von Dritten angezündet wurde: Allein die darauffolgenden Pannen machen mindestens ratlos.

Als die Feuerwehr kam, sagte ihr niemand, dass in der Zelle ein fixierter Mensch lag, den man hätte retten können. So kam es, dass ein Feuerwehrmann zwar in die verrauchte Zelle kroch, diese aber wieder verließ, im Glauben, da sei niemand. Um 12.35 Uhr, also eine halbe Stunden nach dem ersten Feueralarm, wurde die inzwischen verkohlte Leiche gelöscht. Kurz darauf kamen drei Spurensicherer: ein Kriminologe, ein Videograf und ein Fotograf. Der Kriminologe entnahm lediglich zwei Tüten Brandschutt, ein bisschen vom Kopf des Verbrannten und ein bisschen von unterhalb seines Leichnams. Der Rest wurde später zerstört. Der Videograf begann seine Filmaufnahme mit dem Hinweis, in der Zelle habe sich einer selbst angezündet – dabei wusste man zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr, als dass es einer Feuer gab und ein Mann verbrannte. Die Aussage mit der Selbstanzündung wiederholt der Videograf nach einem Schwenk in die Zelle. Noch bevor er weitere Details filmen kann, bricht die Aufnahme aber ab. Das sei ein Versehen gewesen, erfährt man aus späteren Vernehmungen. Danach habe er "vergessen", die Kamera wieder einzuschalten. Und der Fotograf macht lediglich ein Dutzend Bilder, darunter Außenaufnahmen. Bestimmte Perspektiven aus dem Inneren der Zelle, die für spätere Ermittlungen wichtig gewesen wären, fehlen bis heute. Ein Brandsachverständiger wurde gar nicht erst an den Tatort gerufen.

Druck auf potenzielle Zeugen

Aus diesem spärlichen Material versuchen Ermittler und Aktivisten seit 13 Jahren, sich ein Bild davon zu machen, was damals in der Zelle geschah. Zwei Gerichtsprozesse hatten keine Klarheit gebracht, im Gegenteil. Es gab widersprüchliche Aussagen, manche Zeugen nahmen zentrale Behauptungen wieder zurück. Andere machten Falschaussagen und wurden daraufhin für künftige Prozesse gesperrt. Das einzige rechtskräftige Urteil, das nach vielen Jahren gesprochen wurde, ist eine Geldstrafe – wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen: weil einer der diensthabenden Polizisten den Alarm ausgestellt hatte und damit eine Rettung verhinderte. Als ein Justizwachtmeister Jahre später aussagen wollte, lud man ihn nicht vor, sondern legte ihm nahe, sich persönlich beim Dessauer Kripochef wegen übler Nachrede zu entschuldigen. Er erhielt einen Verweis und schwieg.

Stattdessen zielten lange Zeit alle behördlichen Ermittlungen darauf ab, die Selbstanzündungsthese zu bestätigen. Nach offizieller Darstellung soll Jalloh es mit fixierten Armen und Beinen geschafft haben, ein bei seiner Verhaftung nicht bemerktes Feuerzeug aus seiner Tasche zu holen, seine feuerfeste Matratze aufzureißen, den entzündlichen Inhalt anzuzünden, seinen Kopf über die Flamme zu halten, in der Folge an einem inhalativen Hitzeschock zu sterben – und vorher noch das Feuerzeug unter seinen Körper zu schieben, sodass man es auf den wenigen Film- und Videoaufnahmen nicht sieht. Untersuchungen des LKA Sachsen ergaben 2012, dass sich auf dem Feuerzeug zwar eingeschmolzene Textilfasern befinden, die aber weder von der Gefängnismatratze noch von Jallohs Kleidung stammten.

Um die These der Selbstanzündung zu untermauern, gab es unter anderem Bewegungsversuche, die zeigen sollten, dass die Bewegungen trotz Fixierung möglich gewesen wären. Beobachter kritisieren jedoch, dass die Versuche unter verfälschten Bedingungen stattfanden: Die Matratze, auf der Jalloh gelegen hatte, erlaubte sehr viel weniger Bewegungsspielraum als die Matratze im Versuch. Der erste Brandversuch der Staatsanwaltschaft erfolgte 2012. Der beauftragte Brandgutachter sagte einem Pressebericht zufolge, er habe nur den Auftrag erhalten, den Brandverlauf so zu rekonstruieren, als habe Jalloh sich selbst angezündet. Diese Annahme habe den Zustand der Leiche aber nicht erklären können. Weitere Versuche gab es nicht, etwaige Anträge lehnte das Gericht ab.

Angriffe gegen Unterstützer

Erst öffentlicher Druck, immer wieder organisiert durch die Jalloh-Initiative, brachte die Staatsanwaltschaft dazu, 2016 – also elf Jahre nach dem Tod in der Zelle – einen neuen, eigenen Brandversuch durchzuführen. Nach Abschluss der Auswertungen 2017 ermittelte die Staatsanwaltschaft erstmals selbst in Richtung Mord. Der Fall wurde daraufhin aber an eine andere Staatsanwaltschaft übergeben, die die Akte mit einer knappen Begründung schloss.

Der Fall Oury Jalloh zeigt, wie kompliziert Ermittlungen in den Reihen der Polizei sein können. Wie viele echte oder vermeintliche Pannen es dabei geben kann. Deren Anhäufung auf allen Ebenen zeigt aber auch, dass es kein tragischer Zufall sein kann. Vielmehr scheint das mit seinem Fall betraute Justizwesen bestimmten Mustern zu folgen.

Die Mittel der Rechtsstaatlichkeit scheinen sich in diesem Fall zum Beispiel gegen Jalloh und seine Unterstützer gewendet zu haben, so empfinden sie es. "Wenn dir jemand wehtut, dann erzählst du das deiner Mutter oder deinem Onkel", sagt ein Mann bei der Gedenkdemo durch den Lautsprecher. "Aber wir hatten niemanden, zu dem wir hätten gehen können. Wer von Anfang an Aufklärung forderte, wurde abgeschoben. Zu wem sollten wir also gehen?" Der Mann am Lautsprecher stellt damit nicht weniger als die Frage, für wen das Rechtswesen eigentlich da ist.

Für wen gilt die Unschuldsvermutung?

Viele aus Jallohs Umfeld, die wie er selbst Asylbewerber waren, wurden bald nach den ersten Protesten abgeschoben. Sein engster Freund, der Internetcafé-Betreiber Mouctar Bah, blieb, aber verlor seine Ladenlizenz wegen "charakterlicher Mängel". Sein Laden war eine wichtige Anlaufstelle und ein beliebter Aufenthaltsort für viele Migranten im Ort. Unter den Leuten mit gesichertem Aufenthaltsstatus gab es mehrere, zum Teil brutale Razzien im Unterstützerumfeld. Viele erhielten in dem Zuge Anzeigen wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte oder Körperverletzung, und gelten seither als zwielichtige Gestalten. Im Nachhinein stellten sich alle Razzien als rechtswidrig heraus.

Eine offene Frage bleibt auch, warum in diesem Fall nicht längst die Generalbundesanwaltschaft ermittelt. Sie ist die oberste Strafverfolgungsbehörde in Deutschland und kann sich in besonders schweren Fällen einschalten, die die öffentliche Sicherheit betreffen. In letzter Zeit sind das vor allem Fälle islamistischen Terrors – also Fälle mit Tätern, die in den Augen der Öffentlichkeit als fremd gelten. Wenn das Opfer aber der Fremde ist und die mutmaßlichen Täter aus den eigenen Reihen stammen, dann herrscht betretenes Schweigen. Zweimal hatte die Generalbundesanwaltschaft bereits eine Fallübernahme abgelehnt. Dabei räumte sie selbst ein, dass ein rassistisch motivierter Mord durch Polizisten in ihren Zuständigkeitsbereich fallen würde oder auch ein serieller Mord durch Polizisten. Vor Oury Jalloh waren zwei andere Gefangene im Polizeirevier unter bislang ungeklärten Umständen gestorben. Von der Klärung des Motivs sieht der Bundesanwalt aber nach wie vor aus nicht näher dargelegten Gründen ab.

Es stellt sich aber längst nicht nur die Frage, in wessen Interesse das Recht handelt. Sondern auch, für wen rechtsstaatliche Grundprinzipien wie die Unschuldsvermutung gelten: Für den Asylbewerber, der womöglich getötet wurde? Oder für Polizeibeamte? Von Anfang an verfolgten die Behörden im Fall Oury Jalloh ausschließlich die These, er habe sich selbst angezündet und die Polizeibeamten allenfalls fahrlässig gehandelt. Dass dagegen Jalloh unschuldig gewesen sein könnte, gar ein Opfer von Polizeigewalt, das galt bis 2012 als üble Nachrede. Auch hier bewegt sich die Rechtsanwendung zwar im Rahmen des Zulässigen, mit etwas Distanz betrachtet fällt die Prioritätensetzung aber auffällig zugunsten einer Seite auf – die der Staatsbeamten.

Wer gilt als glaubwürdig?

Und schließlich bleibt die Frage der Glaubwürdigkeit. Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh verfolgt den Fall so intensiv wie sonst kaum einer. Sie war an jedem Prozesstag anwesend, besitzt Abschriften der Akten, hat Gutachten beauftragt und Fragen gestellt, wo es die Staatsanwaltschaft nicht getan hat. Erst ihr privates Brandgutachten von 2013 brachte die Behörden so weit in Bedrängnis, dass sie 2016 ein erneutes, eigenes Gutachten veranlassten. Demnach hatte sich Oury Jalloh nicht ohne die Zugabe einer großen Menge Brandbeschleuniger selbst anzünden und in der kurzen Zeit vollständig verbrennen können. Das offizielle Gutachten kam trotz abweichenden Versuchsaufbaus zu demselben Ergebnis. 2015 widerlegte außerdem ein toxikologisches Gutachten die oft verbreitete Behauptung, Jalloh hätte zum Zeitpunkt der Einnahme Drogen genommen. Zudem weisen verschiedene Hormonwerte darauf hin, dass er zum Zeitpunkt der Verbrennung bereits tot oder bewusstlos gewesen sein muss. Vor Gericht zählen unabhängige Gutachten aber nicht viel. Stattdessen werden die Aktivisten seit 2009 von den Behörden beobachtet, was am Rande eines anderen Prozesses herauskam. Ihre Anzeigen gegen Angriffe von rechts wurden dagegen eingestellt.

Vor diesem Hintergrund ist das Vertrauen der meisten Aktivisten in den Rechtsstaat zerrüttet. Sie wollen eine eigene, unabhängige Untersuchungskommission aus internationalen Experten. Jenseits der Justiz die Aufklärung vorantreiben. "Die Gerechtigkeit ist für jeden da, egal ob man schwarz oder sonst was ist", sagt Oury Jallohs Bruder Saliou. Er kam eigens für den Gedenktag nach Deutschland. "Und wir werden kämpfen, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Wir haben das Recht auf Wahrheit. Es wird Gerechtigkeit geben." Zusammengestellt ist die Kommission bereits, im Januar soll das erste Treffen stattfinden.