Petra Haunreiter lebt seit acht Jahren mit der Angst. Die Angst speist sich aus Unsicherheit und der Tatsache, dass ihr niemand sagen kann, wie gefährlich der Stoff ist, den sie in sich trägt. Perfluoroctansäure, kurz PFOA. Kann man davon Krebs bekommen? Schadet die Chemikalie im Körper der Gesundheit? Das sind Fragen, die sich Haunreiter stellt. 

Haunreiter, 48 Jahre alt, ist eine schmale Frau, randlose Brille, fester Händedruck, oberbayerischer Zungenschlag. Sie arbeitet bei der örtlichen Sparkasse, Abteilung Kreditrevision. Haunreiter ist im Landkreis Altötting geboren, unweit der österreichischen Grenze. Rund 100.000 Menschen leben hier, verteilt auf etliche kleine Gemeinden. Niemals, sagt Haunreiter, würde sie von hier wegziehen, auch wenn die Geschichte mit dem verseuchten Trinkwasser ihr Sorgen mache. Und auch wenn sie nicht versteht, warum in ihrer Heimat nicht heftiger protestiert wird, weil PFOA über Jahre in den Blutkreislauf von Hunderten Menschen geraten ist.

Das deutsche Trinkwasser gilt als das am besten kontrollierte Lebensmittel. Doch in Altötting ist geschehen, was Behörden in der Regel kategorisch ausschließen: Das örtliche Trinkwasser war über Jahre mit der Chemikalie PFOA verunreinigt. PFOA wird unter anderem zur Herstellung von Teflon-Pfannen verwendet, ab 2020 ist der Stoff von der EU verboten. Doch bis 2008 wurde PFOA im nahegelegenen Chemiepark Gendorf verwendet, dem größten Chemiepark Bayerns. Von dort gelangte der Stoff über den Fluss Alz und den Feinstaub in der Luft in den Boden, dann ins Grundwasser, ins Trinkwasser – und ins Blut der Einwohner. Auch in das von Haunreiter.

Schon 2006 hatten Umweltschützer von Greenpeace das erste Mal erhöhte PFOA-Werte im Wasser der Alz gemessen und vor verseuchtem Trinkwasser gewarnt. Bis Haunreiter auf den Gedanken kam, dass die Chemikalie sogar im Blut sein könnte, vergingen weitere drei Jahre. "Weil von den Behörden ja nichts kam", sagt sie. 2009 ließ sie schließlich ihr Blut testen. Das Ergebnis: Haunreiter hat deutlich mehr PFOA im Blut, als es das Umweltbundesamt für unbedenklich hält. 2 µg pro Liter, das ist der Richtwert. Bei Petra Haunreiter wurden 48,1 µg gemessen. Mehr als zwanzig Mal so viel. Auch ihr Mann ließ sein Blut analysieren – bei ihm war der Wert sogar um fast das vierzigfache erhöht.

Petra Haunreiter stürzte sich daraufhin in das Thema, schrieb Briefe an Behörden und Mediziner und konfrontierte Kollegen im Gemeinderat, in dem sie auch sitzt. Doch niemand wollte so richtig zuhören, bei den wenigen Informationsveranstaltungen prallten Wirtshaus und Fachvokabular aufeinander. "PFOA ist auch kein gutes Thema für einen Geburtstag", sagt Haunreiter.

Dass das Wasser schon damals belastet gewesen sei, habe viele Bürger nicht gestört. Der Chemiepark ist bis heute ein wichtiger Arbeitgeber der Region. "Viele akzeptieren die Situation als Preis des Wohlstands", sagt Haunreiter. "Und vielen ist das Ganze einfach zu kompliziert. Das ist diese bayerische Ja-mei-Mentalität."

Die Behörden trafen hingegen schon damals erste Maßnahmen. Schon im Jahr 2009 bauten sie einen Aktivkohlefilter in den Brunnen ein, der Haunreiters Gemeinde Haiming beliefert. "Seitdem ist der PFOA-Wert dort bei quasi null", sagt sie. Andere Brunnen aber blieben vorerst ohne Filter.