Für Katie und Bethany ist es die erste Demo. Als Donald Trump vor genau einem Jahr den Amtseid ableistete und einen Tag später Millionen Menschen überall im Land gegen den neuen Präsidenten auf die Straße gingen, waren die Freundinnen noch nicht dabei. Heute könnte ihre Meinung über den Präsidenten und den Zustand des Landes nicht deutlicher sein. "Waffen haben mehr Rechte als Vaginen" steht auf Katies Schild.

Der 28-Jährigen ist es wichtig, Teil einer Bewegung zu sein, der sich nach Angaben der Organisatoren und der Stadt an diesem Samstag etwa 300.000 Menschen angeschlossen haben – 50.000 mehr als im vergangenen Jahr. Fast jeder hat ein Transparent dabei, viele tragen Pink, die Farbe der Bewegung, immer wieder schallen Sprechchöre durch die Straßen. Niemand hier will drei weitere Jahre Trump hinnehmen.

"What time is it? It’s Mueller-time" rufen viele. Eine Anspielung auf Sonderermittler Robert Mueller, der die Einflussnahme Russlands auf die US-Wahl sowie mögliche Absprachen von Trumps Team mit dem Kreml untersucht. Auch Katie und Bethany hoffen, dass Trump nicht noch weitere drei Jahre im Amt übersteht. "Das ist noch nicht einmal Wunschdenken, ich bin fest überzeugt, dass er es nicht so lange schafft," sagt Katie.

"Nur nicht nach rechts schauen"

Während in Washington D.C. der Streit über den Haushalt ungelöst bleibt und die Bundesbehörden nicht mehr arbeiten, erlebt Downtown Chicago seinen ganz eigenen Shutdown. Kurz bevor sich der Protestzug gegen Mittag in Bewegung setzt, geht auf der Michigan Avenue nichts mehr. Die Reden, die im Grant Park unter anderem von Vertretern der "Chicago Foundation of Women" und der "Illinois Coalition for Immigrant and Refugee Rights" gehalten werden, können nur die allerwenigsten verstehen: Sie stehen zu weit weg. Doch niemand hier braucht Reden, um kämpferisch zu sein. Was hier alle eint, ist die Idee von einem anderen Amerika als dem Amerika von Donald Trump.

Katie, 28 (links) und Bethany, 34 © Rieke Havertz


"Ich fühle mich so ermächtigt", sagt Bethany, die als Verkäuferin arbeitet. Im vergangenen Jahr war sie mit ihrer Freundin Katie in Großbritannien. Alle dort hätten sofort mit ihnen über Trump reden wollen. "Es ist so beschämend, dass er unser Präsident ist", sagt die 34-Jährige. Vorstandsassistentin Katie hofft, dass aus dem Desaster Trump, wie sie dessen Präsidentschaft nennt, auch etwas Positives entsteht: "Viele Leute sind extra angereist, um heute dabei zu sein, es ist, als hätten viele ein Streichholz unter ihrem Hintern brennen."

In mehr als 300 Städten in den USA waren Protestaktionen angekündigt, außer in Chicago auch in Washington, New York und weiteren Großstädten. Bethany und Katie glauben, dass auch die #metoo-Bewegung dazu beigetragen hat, dass noch mehr Menschen in Chicago protestieren als im Vorjahr. Viele Frauen würden sich endlich trauen, über Übergriffe und Sexismus zu sprechen und wüssten, dass es eine Gemeinschaft gebe, die sie auffange, sagt Katie.

Nur langsam bewegen sich die Hunderttausenden durch die Straßen. An einer Kreuzung wird es laut, auf einmal hallen "Fuck Trump"-Rufe von den Hochhäusern wider. Die Kreuzung gibt den Blick auf den Trump-Tower frei, der silbern-kalt ein paar Straßenblocks nördlich glänzt. "Nur nicht nach rechts schauen", schreit eine Frau, alle Umstehenden lachen. Die Stimmung ist nicht aggressiv, aber ernst.