Mohammed kam nach Deutschland, weil das eben alle so machten, sagt er. In seiner Heimat Marokko herrscht kein Krieg, der 31-Jährige wurde nicht politisch verfolgt, wegen seiner sexuellen Orientierung gefährdet war er auch nicht. Die Stadt Nador an der Mittelmeerküste, in der seine Eltern und Schwester noch immer wohnen, ist schön, sagt er, er hat dort als Kfz-Mechaniker gearbeitet. Trotzdem ging er weg, wie viele aus der Region im östlichen Marokko. Bessere Arbeit hat Mohammed sich erhofft, mehr Geld, eine Perspektive.

Er ist einer der Asylbewerber, die in den vergangenen Jahren zur Hassfigur der Rechten geworden sind. Weil sein Fluchtgrund für viele nicht als Fluchtgrund zählt. Und weil der Ruf von Menschen aus Nordafrika in den vergangenen Jahren gelitten hat. Sie fallen in Deutschland im Verhältnis öfter kriminell auf als Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak. Mohammed ist auch ein Beispiel dafür, dass viele Menschen hier kein Asyl beantragen würden, wenn Deutschland ein Einwanderungsgesetz hätte und damit einen legalen Weg für sie, hier zu arbeiten. Aber auch, wenn viele ihn nicht wollen: Mohammed ist hier, schon seit fünf Jahren. Nun soll er abgeschoben werden.

Ein Betonklotz, umgeben von 15 Meter hohen Mauern: das Abschiebegefängnis in Ingelheim in Rheinland-Pfalz. Innen mintgrüne und weiße Wände, die Fenster vergittert. Hier sitzt Mohammed seit zwei Monaten. Manche Häftlinge verbringen hier nur eine Nacht, andere drei Monate. Die Blumenwandtattoos an den Zellentüren sollen die klinische Atmosphäre etwas gemütlicher machen. Doch am Ende des Flurs ist eine Gittertür.

Fünf Jahre lebte Mohammed in Deutschland, nun soll er abgeschoben werden. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Die meisten sind hier, weil sie sich einer Abschiebung entzogen haben. Auch Mohammed war nicht in seiner Wohnung in Frankfurt, als die Polizei kam, um ihn zu holen. Er zuckt mit den Schultern und lächelt schuldbewusst, wenn man ihn danach fragt. Er wurde erst später aufgegriffen. "Die Polizei hat mich auf der Straße kontrolliert und mitgenommen, in Frankfurt-Höchst." Warum er Deutschland verlassen muss, warum Asylbewerber aus den Maghreb-Staaten kaum eine Chance haben zu bleiben, versteht er nicht.

Das Gelände ist wie ein Hochsicherheitsgefängnis gebaut, eine Justizvollzugsanstalt ist es aber nicht. Seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 2014 darf Deutschland Abschiebehäftlinge bis zu ihrer Ausreise nicht mehr mit Strafgefangenen unterbringen, weil sie nicht verurteilt sind und deshalb weniger Einschränkungen ihrer Freiheiten hinnehmen müssen. 

Mohammeds Geschichte wirft viele Fragen auf, nicht alle kann er beantworten. In einem Schlauchboot eine lebensgefährliche Überfahrt übers Meer zu wagen, erschien ihm einfacher, als sich schon im Voraus über die deutschen Einwanderungsbürokratie zu informieren. Wie ihm geht es vielen Menschen, die mit Schleusern nach Deutschland kommen, weil sie nur von diesem einen Weg wissen: illegal über die Grenzen und Schutz beantragen. Und tatsächlich gibt es für Menschen wie Mohammed, der kein Studium oder eine in der EU anerkannte Ausbildung hat, praktisch keine Chance, ein Arbeitsvisum zu kommen.

Auch jetzt, fünf Jahre später, hat sich für Mohammed daran nicht viel geändert. Asylgesetze, keine Verlängerung der Duldung, Wiedereinreiseverbot: Mit diesen bürokratischen Begriffen kann er nichts anfangen und will sich auch nicht richtig für sie interessieren. Weil sie am Ende nur bedeuten, dass er gehen muss. Mohammed unterscheidet nur zwischen "Papier" und "kein Papier" – und meint damit die Genehmigung, hier zu bleiben. Und so ein Papier, das hat er nicht. Stattdessen hat er eine 15-Quadratmeter-Zelle mit schmalem Bett, Schrank, Tisch, Fernseher, Toilette und Waschbecken. Mohammed trägt Sneakers und schwarze Hose im Used-Look, mit Rissen und Flicken. Um die Augen hat er tiefe Falten.