Nach schweren Auseinandersetzungen zwischen Migranten in Calais werden zusätzliche Bereitschaftspolizisten in die Hafenstadt entsandt. Innenminister Gérard Collomb sagte, mit den Ausschreitungen vom Donnerstag sei ein "nie gekanntes Ausmaß" an Gewalt erreicht. Die Situation für die Einwohner der Stadt am Ärmelkanal sei unerträglich, sagte Collomb. "Wir können nicht das Recht des Stärkeren in unserem Land herrschen lassen."

Migranten aus Eritrea und Afghanistan waren am Donnerstag mehrfach aneinandergeraten – dabei fielen auch Schüsse. Auf Fotos waren mit Stöcken bewaffnete Männer zu sehen. Die Präfektur des Verwaltungsbezirks Pas-de-Calais meldete 21 Verletzte, fünf Migranten erlitten Schussverletzungen. Vier von ihnen wurden lebensgefährlich verletzt.

Das Innenministerium teilte mit, dass vermutlich ein Afghane auf eine Gruppe Eritreer geschossen habe. Wie es zu den Auseinandersetzungen kam, sei noch nicht geklärt. Innenminister Collomb sagte aber, es handele sich nicht um "spontane Phänomene" und legte nahe, dass es einen Zusammenhang mit Aktivitäten von Schleuserbanden geben könne. Nach Angaben der Regionalzeitung La Voix du Nord sagte er am Vormittag, dass es bislang noch keine Festnahmen gegeben habe. 

Hilfsorganisationen warnen vor freier Bahn für Schleuser

François Guennoc von der Hilfsorganisation Auberge des Migrants verwies im Sender BFMTV darauf, dass Schleuser in Calais versuchten, für die Migranten wichtige Orte zu kontrollieren. Der Präsident der Hilfsorganisation Salam, Jean-Claude Lenoir, sprach bei Franceinfo von Verbitterung bei den Migranten, die er auf "tägliche Belästigung" durch die Sicherheitskräfte zurückführte. Die Organisationen werfen der Polizei immer wieder vor, zu hart gegen Migranten vorzugehen und ihnen etwa ihre Zelte wegzunehmen. "Diese Spannung hat eine Auswirkung: Das lässt den Schleusern freie Bahn."

Auch am Donnerstagmorgen hatte die Polizei einige Bereiche der Migranten geräumt. Vincent de Coninck, der die Hilfsmission von Secours Catholique in Calais leitet, sagte, es gebe ständig eine Art Krieg um die verschiedenen Territorien, in denen sich die Migranten aufhielten.

Millionen Euro für mehr Grenzschutz

Seit Jahren sammeln sich in Calais Migranten, die illegal nach Großbritannien gelangen wollen. Im Oktober 2016 hatte die Polizei ein riesiges, inoffizielles Flüchtlingscamp geräumt. Es war bekannt unter dem Namen "Dschungel von Calais". Zwischenzeitlich hatten dort bis zu 8.000 Menschen gelebt. Seit der Räumung des Camps versuchen die Behörden, die Entstehung neuer Elendslager zu verhindern.

Dafür befanden sich schon vor den Ausschreitungen am Donnerstagabend mehr als 1.100 Sicherheitskräfte in der Stadt. Der Hafen, von wo Fährschiffe nach Dover ablegen, ist streng abgeschirmt – erst kürzlich hatte die Regierung in London Frankreich etwa 50 Millionen Euro für neue Grenzschutzmaßnahmen zugesagt. Trotzdem halten sich nach Schätzungen mehrere Hundert Migranten in der Region auf, laut Hilfsorganisationen unter sehr prekären Bedingungen.

Um ähnliche Ausschreitungen wie am Donnerstag in Zukunft zu verhindern, werden zwei zusätzliche Kompanien der Bereitschaftspolizei in Calais eintreffen. Außerdem werde der Staat die Essensausgabe an Migranten übernehmen, kündigte Collomb an. Bislang hatten sich Hilfsorganisationen darum gekümmert.

Collomb forderte die Migranten erneut auf, sich in Aufnahmezentren in Frankreich zu begeben: In Calais gebe es keine Lösung für sie. Ähnlich hatte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Mitte Januar geäußert: Calais sei keine "Geheimtür" nach Großbritannien, sondern eine Sackgasse für die Flüchtlinge.