ZEIT: Die katholische Kirche möchte transparenter werden – das ist ein Trend, den Sie auch in Ihrem Heimatbistum Köln miterlebt haben. Und vom Grundgedanken stimmen Ihnen viele zu: Es ist offensichtlich, dass die Kirchensteuern irgendwann sinken werden, dass Sie hier in der Diaspora sind. Wäre es da nicht eine sinnvolle Argumentationshilfe, die Berechnungen offenzulegen?

Heße: Für diese operativen Dinge ist der Generalvikar zuständig. In den Gesprächen mit den Elternvertretern werden die Zahlen sicher noch mal Gegenstand sein. Mit den Elternvertretern der drei Schulen, deren Zukunft noch unklar ist, werden wir tiefer in die jeweiligen Expertisen einsteigen. Weil ich auch höre, dass die Eltern Fragen haben. Dann muss man diese Fragen anpacken.

ZEIT: Wann werden die Eltern die Zahlen bekommen?

Heße: Die Gespräche mit der Elternvertretung werden derzeit vereinbart. Ich gehe davon aus, dass sie noch im Februar stattfinden.

ZEIT: Sie haben erst im September einen Brief an Eltern von Kindern geschickt, die jetzt ins Schulalter kommen, und für Ihre Schulen geworben. Verstehen Sie, dass die sich jetzt verhöhnt fühlen?

Heße: Was hätte ich anderes machen sollen? Hätte ich nicht geschrieben, hätten mich Schulleiter und Lehrer gefragt: Warum werbt ihr nicht? Wir wussten damals, dass irgendwie eine Schieflage da ist – aber wie groß die ist, war uns nicht bewusst. Deswegen haben wir guten Wissens und Gewissens für unsere Schulen geworben.

ZEIT: Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Stadt im Jahr 2008 dem Katholischen Schulverband drei Schulen gratis überlassen hat, gerade weil sie sanierungsbedürftig waren. Die Kirche sollte sie dafür sanieren und langfristig weiterbetreiben. Ist es nicht dreist, jetzt zum Teil genau diese Schulen zu schließen und dann auch noch zu sagen, die Stadt finanziere Privatschulen zu schlecht?

Heße: Da muss man noch einmal die Besitzverhältnisse genau prüfen, das war alles vor meiner Zeit. Mich ärgert aber, dass seit der Übernahme offensichtlich nicht so an der Substanz der Schulen gearbeitet wurde, wie es nötig gewesen wäre.

ZEIT: Wann war für Sie denn persönlich klar, dass Sie ausgerechnet Schulen schließen werden?

Heße: An einem Dezemberabend im vergangenen Jahr haben uns die Berater ihre Ergebnisse auf den Tisch gelegt, da war für mich klar: Du musst jetzt handeln, damit dieses Bistum eine Zukunft hat. Bis Januar haben wir noch hin und her überlegt. Dass jetzt die Anmeldungen für das neue Schuljahr bevorstehen, hat den Ausschlag gegeben, offen zu sagen, welche Schule wir nicht mehr halten können.

ZEIT: Sie stehen ja nicht alleine da. Wenn man nach Essen schaut, in die
ostdeutschen Bistümer, nach Mainz – überall gibt es große finanzielle Probleme. Was kommt da auf die Kirche zu?

Heße: Man kann urkatholische Gegenden wie im Rheinland oder Bayern nicht mit uns vergleichen. Aber für uns hier im Norden gilt: Wir leisten uns mehr, als wir bezahlen können. Wir haben zu viele Schulen, zu viele Kirchen und werden auch nicht jede andere Einrichtung auf Dauer erhalten können. Unsere Kirche wird kleiner werden, weshalb wir in Zukunft viel weniger einnehmen werden. Wir werden uns von Gebäuden und Aufgaben trennen müssen. Das tut weh, aber es geht nicht anders.

ZEIT: Aber warum gehen Sie so radikal vor? Andere Bistümer sind vorsichtiger.

Heße: Weil unsere wirtschaftliche Lage dramatischer ist als anderswo. Es wirkt vielleicht radikaler, weil wir nicht mehr überall ein bisschen kürzen wollen, sondern in einem harten Schnitt. Das Teure ist ja die Sanierung von Schulgebäuden. Von den Schulen mit dem höchsten Sanierungsbedarf müssen wir uns jetzt trennen, um die anderen zu erhalten.

ZEIT: Nur zu sparen ist ja ein schwaches Konzept: Welche Rolle hat eine geschrumpfte Kirche am Ende noch in der Gesellschaft?

Heße: Es muss auch anders gehen, wenn die Möglichkeiten beschränkter sind. Das Wichtigste sind nicht die Häuser, sondern die Menschen und deren Glaube. Mutter Teresa ist so eine Frau gewesen, die von ihrem Glauben beseelt war. Sie hat mit sehr bescheidenen Möglichkeiten sehr viel geschafft. Ein bisschen von dieser Haltung wünsche ich mir bei uns.

ZEIT: Das klingt gut, aber auch gläubige Menschen müssen sich irgendwo treffen können.

Heße: Ja, aber nicht immer und überall in einer Kirche, es reichen auch mal Gemeindezentren, und gerade auf dem Land können wir uns die vielleicht auch mit den Protestanten teilen.

ZEIT: Diese Konzepte liegen auch schon in Ihrer Schublade?

Heße: Nein, nein. Da liegen noch keine weiteren Konzepte. Aber situativ ist da in den vergangenen Jahren schon einiges verändert worden.

ZEIT: Am Anfang Ihrer Amtszeit hier haben Sie gesagt, die Nacht, nachdem Sie erfahren hatten, dass Sie hier Erzbischof werden, sei eine Ihrer schlimmsten Nächte gewesen. Was ahnten Sie da schon?

Heße: Es ging nicht um irgendwelche Bistumsfinanzen, wenn Sie das meinen. Aber stellen Sie sich vor, Sie sitzen da freitagabends und denken, die Woche ist gelaufen, und Sie spannen so ein bisschen ab, und dann kriegen Sie telefonisch mitgeteilt, Sie seien zum Erzbischof von Hamburg gewählt worden. Was machen Sie da?

ZEIT: Luftsprünge?

Heße: Für mich war das eher ein Aufschrecken, weil ich nicht geplant hatte, Bischof zu werden. Ich war seit einigen Monaten Generalvikar des neuen Kölner Erzbischofs Woelki und dachte, jetzt können wir viele Dinge anpacken. Und wenn Sie da in voller Fahrt sind und plötzlich so einen Anruf bekommen, der Ihr Leben total ändert, schlafen Sie unruhig. Ich kannte Hamburg und den Norden ein bisschen aus dem Urlaub und von wenigen Kontakten, aber ansonsten war das für mich hier alles neu.

ZEIT: Aber Sie ahnten noch nicht, wie schlecht es dem Erzbistum geht?

Heße: Nein. Das spielte alles keine Rolle. Mir ging es um andere Fragen: Kannst du das, Bischof werden? Sollst du das? Ist das deine Berufung? Machst du das?

ZEIT: Hätten Sie ablehnen können?

Heße: Man hat zumindest Zeit nachzudenken, und ich habe dann nicht allzu viele Gründe gefunden, um es ablehnen zu müssen. Das war für mich ein Kriterium zu sagen: Okay, dann soll es offenbar so sein. Gott sei Dank schlägt man sich als katholischer Bischof in der katholischen Kirche nicht vor. Sondern man wird gefragt, gewählt, ernannt. Das ist ein anderer Zugang.

ZEIT: Auch eine andere Verpflichtung.

Heße: Auch das.

ZEIT: Trauen Sie sich mit den Schulschließungen eigentlich gerade etwas, wovor sich andere Bistümer noch drücken?

Heße: Bei uns ist die Not jetzt eben besonders groß. Dramatischer als alles, was ich mir hätte vorstellen können. Glauben Sie mir: Es ist wirklich nicht mein Ziel, damit der Trendsetter für Deutschland zu werden.

Das Interview erschien in gekürzter Fassung in Christ&Welt und ZEIT Hamburg Nr. 07/2018 vom 08.02.2018.