Es ist die zehnte Flucht eines Häftlings in Berlin binnen sechs Wochen: Wie Justizsenator Dirk Behrendt bekannt gab, täuschte ein 24-jähriger Mann die Mitarbeiter im Gefängnis Tegel mit einer Attrappe in seinem Bett. Der Häftling habe die Umrisse eines Körpers unter der Bettdecke aus Kleidung, Toilettenpapier und Stoffresten sowie einer Mütze geformt. Bei der Zählung nach einer Freistunde habe er mit diesem Trick den Eindruck erwecken können, dass er dort liege.

Behrendt sagte, der Ausbruch sei am Donnerstag bei der morgendlichen Durchzählung der Gefangenen kurz nach sechs Uhr aufgefallen. Binnen Minuten sei Alarm ausgelöst und eine Durchsuchung der Anstalt eingeleitet worden. Das Landeskriminalamt nahm die Fahndung auf.

Die drapierten Kleidungsstücke hätten offenbar den Wärter getäuscht, der den Häftling am Vorabend um halb sechs eingeschlossen hatte, sagte Behrendt. Es sei davon auszugehen, dass der Gefangene irgendwann am Mittwochnachmittag entwichen sei. "Wir wissen nicht, auf welchem Weg", ergänzte der Senator.

Der zuständigen Abteilungsleiterin zufolge könnte er bei einer Freistunde verschwunden sein und sich zunächst auf dem JVA-Gelände versteckt haben. Am Mittwochnachmittag habe der Lkw einer Privatfirma das Gefängnis mit Lebensmitteleinkäufen der Häftlinge beliefert. "Es gibt Anlass zu der Annahme, dass es dem Gefangenen im Zusammenhang mit der Ausfahrt des Lkw gelungen ist, die Anstalt zu verlassen", sagte sie. Wie genau, sei noch unklar. Der Fahrer des Wagens sei vernommen worden, er stehe nicht unter Verdacht.

Berliner Polizei fahndet nach dem 24-Jährigen

Bei dem Häftling in Tegel handelt es sich demnach um einen 24-jährigen Mann, der zu mehreren Gefängnisstrafen verurteilt worden war. Seine vierjährige Haft wegen Einbrüchen und räuberischer Erpressung sollte bis September 2022 dauern.

Die Berliner Polizei fahndete am Donnerstagnachmittag öffentlich nach dem Mann.

Um den Jahreswechsel herum waren bereits vier Häftlinge spektakulär aus dem Berliner Gefängnis Plötzensee ausgebrochen. Unter noch immer nicht vollständig geklärten Umständen gelang es den Männern, aus einer Kfz-Werkstatt auf dem JVA-Gelände zu fliehen.

Fünf weitere, wegen minderer Delikte einsitzende Männer waren zudem aus dem offenen Vollzug von Plötzensee entwischt. Acht Flüchtige konnten gestellt werden oder kehrten freiwillig zurück. Ein wegen Schwarzfahrens zu offenem Vollzug verurteilter Mann ist weiter untergetaucht. Justizsenator Behrendt geriet wegen der Ausbrüche unter Druck: Aus den Reihen der Berliner Opposition wurde sein Rücktritt gefordert.

Ob die erneute Flucht auf fehlendes Personal zurückgeht, blieb offen. Behrendt verwies aber auf die angespannte Situation. "Aufklärung steht im Vordergrund." Er werde dem Parlament Rede und Antwort stehen. "Alles andere wird sich dann zeigen."