Der Investigativjournalist Ján Kuciak und seine Lebensgefährtin sind in der Slowakei erschossen worden. Laut Polizeipräsident Tibor Gašpar ist wahrscheinlich, dass das Motiv etwas mit Kuciaks Arbeit zu tun hat. "Die Indizien weisen darauf hin, dass die Ermordung geplant war und nicht bei einer spontanen Auseinandersetzung erfolgte", sagte Gašpar. Beide Opfer seien in ihrem Privathaus durch Schüsse in Kopf und Brust getötet worden.

Der 27-Jährige hatte auf dem Nachrichtenportal Aktuality.sk regelmäßig über Fälle von mutmaßlichem Steuerbetrug berichtet. Dabei beschrieb Kuciak vor allem Fälle prominenter Unternehmer, die laut seinen Recherchen Geschäftsverbindungen zu den regierenden Sozialdemokraten ebenso wie zu Kreisen der organisierten Kriminalität unterhalten haben sollen.

In seiner letzten Geschichte für Aktuality.sk vom 9. Februar berichtete Kuciak über den Verdacht des Steuerbetrugs in Verbindung mit einem Komplex von Luxuswohnungen in Bratislava. Wegen des Falles hatte es 2017 Proteste und Rücktrittsforderungen gegen Innenminister Robert Kaliňák wegen dessen Geschäftsverbindungen zu dem Projektentwickler gegeben, gegen den wegen Steuerbetrugs ermittelt wurde. Beide haben Fehlverhalten bestritten.

Drohungen aus der Wirtschaft

Der Unternehmer Marián Kočner hatte Kuciak zuletzt öffentlich wegen dessen Artikeln gedroht. Er werde über Kuciak und seine Familie ähnliche "Schmutzberichte sammeln", wie dieser über ihn, hatte Kočner angekündigt. Kočner gilt in der Slowakei seit mehr als 20 Jahren als Beispiel für Verbindungen zwischen Politik und zwielichtigen Geschäftsleuten. Kuciak und andere Journalisten sagten ihm zuletzt geschäftliche Verbindungen zu Spitzenpolitikern bis hin zum umstrittenen Innenminister Kaliňák nach.

Nach Angaben des Polizeipräsidenten hatte die Mutter der getöteten Frau die Polizei gerufen, weil sie seit Donnerstag nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatte. Eine Polizeistreife sei daraufhin zu dem Haus nahe der westslowakischen Stadt Galanta gefahren, in der das Paar wohnte, und habe die beiden Toten gefunden. Vermutliche Tatzeit und Tathergang würden erst noch ermittelt, sagte Gašpar.

Er versprach, alle verfügbaren Kräfte einzusetzen, um den oder die vorerst unbekannten Täter zu ermitteln. "Die Slowakei hat noch nie einen solch beispiellosen Angriff auf einen Journalisten erlebt", sagte der Polizeipräsident. Gašpar hatte in der Vergangenheit selbst wiederholt Innenminister Kaliňák bei dessen Kritik an Journalisten unterstützt.

Axel Springer vermutet Zusammenhang mit Recherche

Der deutsche Medienkonzern Axel Springer, dem Aktuality.sk angehört, reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Mord an Kuciak. "Wir sind entsetzt und fassungslos über die Nachricht, dass Ján Kuciak und seine Lebensgefährtin offenbar Opfer eines grausamen Attentats geworden sind", teilte der Verlag mit. "Auch wenn die Hintergründe noch nicht vollständig aufgeklärt sind, liegt der Verdacht nahe, dass das Verbrechen im Zusammenhang mit einer laufenden Recherche unseres Kollegen steht."

Kuciak sei seit 2015 Redakteur bei Aktuality.sk gewesen. "Sollte das Attentat ein Versuch sein, einen unabhängigen Verlag wie Ringier Axel Springer Slovakia davon abzuhalten, Missstände aufzudecken, werden wir dies zum Anlass nehmen, unseren journalistischen Auftrag noch gewissenhafter und konsequenter auszuüben."