Die Essener Tafel nimmt vorerst nur noch Bedürftige mit deutschem Pass neu in ihre Kartei auf. Grund sei, dass der Anteil der Migranten zuletzt auf drei Viertel gestiegen sei, sagte der Vereinsvorsitzende Jörg Sartor. Die Hilfsorganisation bewahrt Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt sie an Bedürftige. Die Empfänger müssen Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen und dies der Tafel nachweisen.

Zuerst hatte die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) über die Beschränkung berichtet. Auf der Internetseite der Essener Tafel heißt es: "Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen."

Der Vorsitzende Sartor sagte der WAZ: "Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt." In den vergangenen zwei Jahren hätten sich gerade ältere Tafel-Nutzerinnen sowie alleinerziehende Mütter von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, bei denen er teilweise auch "mangelnden Respekt gegenüber Frauen" beobachtet habe. "Wenn wir morgens die Tür aufgeschlossen haben, gab es Geschubse und Gedrängel ohne Rücksicht auf die Oma in der Schlange", sagte Sartor der Zeitung.

"Seltsamerweise gab es noch keinen Krach"

Umgesetzt wird die im Dezember beschlossene Beschränkung auf Deutsche bereits seit Mitte Januar, sagte Sator – "so lange, bis die Waage wieder ausgeglichen ist". Er habe mit Unruhe gerechnet. Aber: "Seltsamerweise gab es noch keinen Krach, kein Theater."

Solange die Flüchtlinge noch in städtischen Unterkünften untergebracht waren, seien sie gar nicht bei der Tafel aufgetaucht, sagte Sartor. "Die waren dort ja versorgt." Grundlegend geändert habe sich die Lage, als vor allem viele Syrer anerkannt wurden und Sozialleistungen erhielten. "Die haben wir aufgenommen wie alle anderen auch." Denn wer Hartz IV, Wohngeld oder Grundsicherung erhalte, könne Tafel-Kunde werden, sofern ein Platz frei sei.

Die Essener Tafel gibt nach eigenen Angaben rund 1.800 Nutzerkarten aus, die nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von Familien verwendet werden. 61 Prozent der Karteninhaber waren laut Sartor zuletzt Nicht-Deutsche. Das entspreche aber einem realen Anteil von 75 Prozent aller rund 6.000 Nutzer, weil die nicht deutschen Familien oft kinderreich seien. Vor dem starken Zuzug von Migranten 2015 habe der Anteil nur bei 35 Prozent gelegen.

Falsche Erwartungshaltungen sorgen für Unmut

Der Landesverband der Tafeln bestätigte einen starken Andrang von Migranten in den vergangenen beiden Jahren. Davon seien alle Tafeln in Nordrhein-Westfalen betroffen, sagte die stellvertretende Vorsitzende Claudia Manousek. Ähnliche Beschränkungen wie in Essen seien aber nicht bekannt. So nehmen etwa die Düsseldorfer und die Dortmunder Tafel ohne Einschränkungen auf.

Aus Sicht des Landesverbandes gibt es durchaus Unmut bei den Bedürftigen. Migranten hätten gelegentlich falsche Erwartungshaltungen. Es gebe Regeln, die manchmal schon aus sprachlichen Gründen schwer zu erklären seien. Bei manchen anderen Kunden rege sich da Unmut.

Kritik an dem Schritt der Essener Tafel kam von Kollegen: "Es widerspricht den Grundsätzen unserer Organisation, die Essensvergabe an eine Staatsangehörigkeit zu koppeln", sagte die Vorsitzende der Kölner Tafel, Karin Fürhaupter, der Rheinischen Post. "Für uns zählt die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft", sagte ihre Düsseldorfer Kollegin Eva Fischer. Beide berichteten aber von Versorgungsengpässen.

"Es ist eine Schande, dass in einem so reichen Land wie Deutschland überhaupt Menschen gezwungen sind ,zur Tafel zu gehen, weil sie sich kein Essen leisten können", sagte Jules El-Khatib vom Landesvorstand der Linken. "Solange dies aber so ist, darf es nicht von der Herkunft abhängen, ob Menschen Nutzer der Tafel werden."

In Deutschland gibt es mehr als 930 Tafeln, die über rund 2.000 Ausgabestellen Lebensmittel an Bedürftige verteilen. Auch bundesweit sind nach Angaben des Vereins Tafel Deutschland etwa 60 Prozent der Tafel-Kunden nicht deutscher Herkunft.