Bei diesen Fragen wird LKA-Präsident Schwarz förmlich. "Wir müssen für jedes Handeln einen Anfangsverdacht haben", sagt er. Bekanntschaften, Freundschaften oder familiäre Beziehungen zu Mafiamitgliedern zählten nicht dazu. "Wir dürfen uns nicht in Vermutungen ergehen." Sein Abteilungsleiter Hehne kämpft um Verständnis. "Die Frage, die man sich natürlich angesichts der Restaurantdichte und der familiären Verflechtungen stellt: Was tun sie hier?" Doch eine Antwort könne er, leider, darauf auch nicht geben. "Für Ermittlungen brauche ich zumindest den Funken eines Anfangsverdachts", sagt er. "Und der ist aus unserer Sicht nicht gegeben."  

Das letzte Mal, erzählt er, wurde im Jahr 2007 in diese Richtung ermittelt. Damals waren vor einer Pizzeria in Duisburg sechs Menschen erschossen worden. Es war der blutige Höhepunkt eines Kriegs zweier Familien aus San Luca. Der kleine Ort in Kalabrien ist eines der Zentren der 'Ndrangheta, die als größte Mafiaorganisation Europas gilt. Sie dominiert den Kokainhandel, der Jahresumsatz wird auf mehr als 50 Milliarden Euro geschätzt.

Erfurts Verbindungen nach San Luca

Kurz nach den Duisburger Morden wurden von italienischen Behörden Telefonate zwischen einem italienischen Restaurant in Erfurt und San Luca abgefangen. Man debattierte darüber, ob es noch sicher in der Stadt sei. Doch nicht nur zu den Opfern gab es Beziehungen. Auch einer der Mörder hatte sich in Erfurt aufgehalten und unterhielt Kontakte zu einem dortigen Restaurantbesitzer.

Dies waren nur einige der Spuren, die nach Erfurt führten. Doch sie seien erkaltet, sagt Hehne. "Wir beobachten natürlich auch Personen und Gruppen, die wir zur italienischen 'Ndrangheta zählen", sagt er. Doch seien in den vergangenen Jahren keine Straftaten registriert worden, die dieser mafiösen Struktur zuzurechnen seien.  

"Das ist lächerlich", sagt Axel Hemmerling. "Es gibt genug Hinweise, die Ermittlungen rechtfertigen. Man müsste ihnen bloß endlich einmal systematisch nachgehen."

Die "Erfurter Gruppe"

Hemmerling ist Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und kümmert sich seit vielen Jahren um das, was für Politik und Polizei besonders unangenehm ist: Neonazis, Gefängnisskandale, Korruption – und die Mafia. Gemeinsam mit seinem Kollegen Ludwig Kendzia und dem Journalisten Fabio Ghelli (der im Jahr 2011 als Hospitant für ZEIT ONLINE und danach als freier Mitarbeiter arbeitete) recherchiert er seit Jahren über das Netzwerk, dass die italienische Antimafiabehörde DIA als "Erfurter Gruppe" bezeichnet. Allein sie soll 100 Millionen Euro an Drogengeld gewaschen und zum Teil reinvestiert haben. Etwa 20 bis 30 Restaurants sollten von Thüringen aus gesteuert werden.  

Für ihre Fernsehreportagen interviewten die beiden Journalisten die Fahnder von der DIA. Sie filmten in Rom, wo Erfurter Wirte einen zweistelligen Millionenbetrag in mehrere Edellokale investiert haben. Sie fuhren nach San Luca und filmten dort Autos mit Erfurter und Leipziger Kennzeichen. Und sprachen mit dem Antimafiastaatsanwalt, der in Kalabrien die Ermittlungen führt. Er beklagte sich darüber, wie leicht sich die Mitglieder der örtlichen 'Ndrangheta der Strafverfolgung entziehen könnten: "Sie bewegen sich in Europa völlig ungestört, als wäre es eine riesige Weide, auf der jeder, wie er will, grasen kann."  

Auch die Akten, durch die Hemmerling und Kendzia sich arbeiteten, enthielten unzählige Hinweise auf eine Verbindung zwischen Thüringen und Süditalien. So legte ein interner Bericht des Bundeskriminalamtes schon vor mehr als zehn Jahren auf mehreren Seiten die Verbindungen zwischen Erfurt und San Luca dar.

Ludwig Kendzia (links) und Axel Hemmerling © Martin Debes für ZEIT ONLINE

An einem Februarnachmittag stehen Hemmerling und Kendzia an der alten Garnisonsfestung auf dem Erfurter Petersberg, die sich über dem Domplatz erhebt. Von hier hat man einen guten Blick über die Altstadt mit ihren fast 40 Kirchen und mindestens ebenso vielen Restaurants. Die beiden zeigen nach unten, wo sich die Lokale befinden, die sich nach ihren Recherchen im Besitz von Kriminellen befinden.
Amalia De Simone filmt alles mit ihrer Kamera. Sie stammt aus Neapel und arbeitet als Videoreporterin für den Corriere della Sera in Mailand. Gerade recherchiert sie für eine Reportage darüber, wie die Mafia die deutsche Provinz infiltriert hat. Und weil die Kollegen des MDR die einzigen sind, die sich auskennen und offen darüber reden, interviewt sie halt sie. 

Hemmerling und Kendzia stammen aus Erfurt und machten zur Wende gerade ihr Abitur. Damals, erzählen sie der Journalistin, befand sich das, was von der Altstadt noch übrig war, in einem bedauernswerten Zustand. Jeder, der mit Geld kam, der investierte, wurde überschwänglich willkommen geheißen. Und die Familien aus Kalabrien investierten. Sie kauften große Häuser überall dort, wo die Stadt besonders schön war und wo man im Sommer Tische in die Sonne stellen konnte. Alle waren zufrieden: Die Lokalpolitiker, die ein paar Immobilienprobleme weniger hatten, die Erfurterinnen und Erfurter, die endlich Penne al Forno und Pizza Calabrese essen konnten und natürlich die freundlichen Wirte, die nun über sauberes Geld verfügten.

Alles andere blieb im Dunkeln, zumal die Polizei schon damals ausreichend mit dem zu tun hatte, was im Hellen geschah. So wurde 1995 der türkische Chef eines Nachtclubs von drei Russen mit 23 Kugeln regelrecht hingerichtet.