Die lokale Politik, vom Oberbürgermeister bis zum Ministerpräsidenten, kehrte gerne in den Restaurants ein, in denen sie bevorzugt bekocht wurde. Amalia De Simone kennt dieses Muster nur zu gut aus anderen Städten. "Als die Gesetze in Italien strenger wurden, hat die 'Ndrangheta ihre Geschäfte ins Ausland verlegt", sagt sie. In Malta sei es das Casinogeschäft, in Rotterdam der Drogenhandel und in Deutschland vor allem die Geldwäsche. Hier seien die Regeln laxer, zumal sich niemand an den Geschäften störe. "Hier in Erfurt ist, anders als bei uns, kein Blut auf der Straße. Also gibt es auch keinen sozialen Alarm."

Im Landeskriminalamt stimmen die Ermittler dieser Analyse zumindest zu einem gewissen Teil zu. "Ein Problem sind die mangelnden rechtlichen Möglichkeiten", sagt Abteilungsleiter Hehne. "Wenn jemand Angehöriger der Mafia ist, dann ist das in Deutschland nicht strafbar", sagt er. Auch gebe es in Deutschland nicht die Umkehr der Beweislast: "Hier muss niemand – so wie in Italien – nachweisen, dass sein Geld aus seriösen Quellen stammt."

"Es fehlt an Personal und Kompetenz"

Aber was ist mit dem, was Buchautorinnen und Journalisten seit Jahren berichteten? Das, sagt Hehne, sei schon sehr interessant. "Aber Journalisten haben bei der Verdachtsberichterstattung und zuweilen auch bei den Recherchen andere Möglichkeiten."

Ludwig Kendzia lacht laut auf, als er diesen Satz vorgelesen bekommt. "Natürlich reichen die gesetzlichen Regelungen nicht aus", sagt er. "Aber das größte Problem ist doch: Es fehlt an Personal und es fehlt an der nötigen Kompetenz." Oft scheitere es bei den Ermittlern ja schon an Sprachkenntnissen. Dennoch scheint in Thüringen gerade so etwas wie eine vorsichtige Akzeptanz der Wirklichkeit einzuziehen. Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist bei der Auswahl seiner Restaurants vorsichtiger geworden. Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) gibt sich öffentlich maximal erzürnt. "Erfurt ist kein Palermo und soll es auch nicht werden", dekretierte er. Wie die Behörden vorgingen, mache ihn "rasend".

Und als erster Innenminister in Thüringen sprach Georg Maier (SPD) offensiv aus, dass es so etwas wie ein Problem gibt. Es gebe offenkundig in Erfurt gut und weit vernetzte Strukturen der "klassischen Mafia" aus Italien und um Familienclans aus dem "russisch-eurasischen Bereich". Er werde das Personal für organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt aufstocken.

"Wir tun unser Bestes"

Doch ob das reicht? Im LKA sitzt Peter Hehne und erzählt, dass auch die vier offenen Stellen im Dezernat 62 demnächst besetzt werden sollen. Zudem sei es ein Anfang, dass der Bundestag voriges Jahr ein Gesetz verabschiedete, das regelt, Geld aus kriminellen Geschäften einzuziehen. Doch so richtig überzeugt sieht der Ermittler nicht aus. Eine "echte Beweislastumkehr" gebe es nicht, sagt er, zudem kommunizierten die Verdächtigen längst nicht mehr einfach per Telefon, sondern mit verschlüsselten Mitteilungsdiensten wie WhatsApp.    

Man sieht den Zweifel in den Gesichtern der Beamten. Doch dies will Hehnes Chef, der während des Gesprächs fast durchweg schwieg, nicht als letzten Eindruck stehen lassen. "Wir tun unser Bestes", sagt LKA-Präsident Schwarz zum Abschied und lächelt.   

Das Bundeskriminalamt stellte kürzlich nach Aktenlage seine Ermittlungen gegen die armenische Mafia ein, und dies, nachdem um die 70.000 Telefonate abgehört wurden. Erfurt ist inzwischen säuberlich aufgeteilt, längst haben sich Hell- und Dunkelfeld vermischt. Mit dem Besten, was das Land Thüringen aufbieten kann, lassen sich in Erfurt gute Geschäfte machen.