ZEIT ONLINE: Sie geben selbst seit vielen Jahren rassismuskritische Seminare an Universitäten. Wie gehen Sie mit diesem Paradox um?

Ha: Eine Strategie ist es, offenzulegen, wie wenig alle wissen und wie wir gleichzeitig immer gesagt bekommen, wie böse Rassismus ist. Damit nehme ich zunächst die Schuld von der einzelnen Person weg und zeige: Dass wir so wenig wissen, ist ein Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, es gibt ein strukturelles Interesse, sich nicht mit diesen Themen zu befassen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Ha: Es würden sonst ganz viele unangenehme Fragen auftauchen. Zum Beispiel, inwiefern wir heute alle noch davon profitieren. Das macht uns gewissermaßen mitschuldig. Mit dem Schuldbegriff arbeite ich aber nur ungern. Ich muss nicht die Schuld meiner Vorfahren übernehmen. Aber ich kann Verantwortung dafür übernehmen, was heute und hier passiert.

ZEIT ONLINE:  Wie würde denn zum Beispiel ein verantwortungsvoller Karneval aussehen?

Ha: Bald erscheint ein Dokumentarfilm über "die Indianer" in Deutschland, von Red Haircrow. Er lebt in Berlin und ist ein Native American. Sein Filmtitel ist wegweisend: Forget Winnetou! Going beyond native stereotypes. Ein schöner Anlass, darüber zu reden, welche Stereotype an Karneval produziert werden.

Mit Klischees kann man aber auch humorvoll umgehen. In Wien gibt es seit einigen Jahren die sogenannten Fearleader: Männer, die als Cheerleader tanzen und sich dadurch explizit mit Stereotypen von Sexismus, Homophobie und Männerdominanz auseinandersetzen. Sie brechen also mit altbekannten Bildern. So könnten sich doch weiße Menschen zum Beispiel mal als Kartoffeln verkleiden, anstatt jedes Jahr wieder als Andere beim Karneval zu erscheinen. Warum nicht mal den Blick auf sich selbst lenken? Um das zu tun, braucht es aber eine gewisse Distanz, und ich fürchte, so weit sind wir noch nicht. Über sich selbst lachen zu können, ist hierzulande auch nicht üblich.