Weit im Osten Berlins führt in einem unscheinbaren Backsteingebäude ein schmaler, dunkler Flur zu Lê Trung Khoa. An den Wänden hängen Poster, die für günstige Flüge und Geldtransfers nach Vietnam werben. Hinter den vielen Türen sind kleine Büros, in denen Menschen geschäftig tippen und telefonieren. In einem davon, ganz am Ende des Ganges, arbeitet Lê. COMD Softwareentwicklung steht in großen, roten Buchstaben an der Tür. "Was muss ich drücken, um noch zwei Vorspeisen hinzuzufügen?", ruft ein Mann in schwarzer Winterjacke. Lê verdient sein Geld damit, Kassen für Restaurants, Supermärkte und Nagelstudios zu programmieren. Aber es sind nicht die Kassen, weswegen er Ärger mit der vietnamesischen Regierung hat und um sein Leben fürchtet.

Lê ist auch Chefredakteur von Thời Báo, einem der meistgelesenen vietnamesischsprachigen Onlinemedien in Europa.

In den frühen Neunzigern war er nach Weimar gekommen, um Mediengestaltung zu studieren. Im Rahmen eines Uniprojektes brachte er vietnamesisches Radio nach Deutschland. Damals lief Hörfunk noch ausschließlich analog, Lê digitalisierte die Sendungen und stellte sie online. So ermöglichte er den Vietnamesen in Deutschland, Neuigkeiten aus der Heimat zu hören. Später gründete Lê dann seine Onlinezeitung Thời Báo. Er wollte sich um den Dialog zwischen den Ländern bemühen, sagt er.

Der vietnamesischen Regierung gefiel der grenzüberschreitende Einfluss. In Vietnam gibt es keine Pressefreiheit. Die Verfassung garantiert zwar Meinungsfreiheit, der Staat kontrolliert aber alle Medien. Auch mit Lê nahm man schnell Kontakt auf und bot ihm einen Deal an. Lê darf Beiträge aus Staatsmedien wie Vietnamnet übernehmen, dafür soll er an sie Informationen liefern, wie die deutschen Behörden gerade zu Vietnam und Vietnamesen stehen.

Zehn Jahre lang berichtete Lê im Sinne der vietnamesischen Regierung, aus Überzeugung und ohne Profit. "Aber es fehlte etwas", sagt Lê nachdem er dem Kunden die Tastenkombination erklärt hat und setzt sich an den runden Glastisch in der Mitte seines Geschäfts. "Es fehlte die Realität. Die Staatsmedien berichten nicht, was wirklich passiert." Viele vietnamesische Berichte hätten die Beziehung der beiden Länder überhöht und Falschinformationen verbreitet. Im Juli 2017 hätten vietnamesische Medien zum Beispiel angekündigt, die Bundeskanzlerin würde zum G20-Gipfel in Hamburg Premierminister Nguyễn Xuân Phúc empfangen. So als sei Phúc nun auch einer von den ganz Großen. "Aber das stimmte nicht. Ein offizieller Empfang im Kanzleramt war nie vorgesehen." Lê schrieb auf Thời Báo zum ersten Mal in seinem Leben eine Gegendarstellung, fand klare Worte für das, was er früher höchstens andeutete.

Die Antwort kam schnell.

Lê bezahlt seine Onlinezeitung zu großen Teilen mit den Einnahmen aus seiner Softwarefirma. Sein Arbeitsplatz ist ein Schreibtisch in einer Ecke des Ladens. Zwischen Orchideen, Überwachungskameras und Touchscreens mit Kassen-Bedienoberflächen schreibt er seine Texte. Doch verkauft er auch Anzeigenplätze, um sein Hobby zu finanzieren.

Die Anzeigen blieben aus

Seit Lê im Juli 2017 mit der offiziellen Berichterstattung brach, wenden sich langjährige Anzeigenkunden von ihm ab. "Die Geschäftsführer haben mich angerufen und gesagt, sie hätten kein persönliches Problem mit mir. Aber sie könnten nicht länger Anzeigen bei mir schalten", sagt Lê. Seine Vermutung: "Wahrscheinlich haben sie Angst, dass ihre Anzeigen als Unterstützung für unsere Arbeit gesehen werden können."

Es war nur der Anfang. Die vietnamesische Regierung kündigte den Kooperationsvertrag mit ihm. Die Zugriffszahlen aus Vietnam, wo die meisten seiner Leser leben, brachen abrupt ein. In Vietnam ist Thời Báo nur noch mit technischen Tricks zu erreichen.

Außerdem rief ein Botschaftsmitarbeiter Lê an: Er solle den Artikel sofort löschen, denn es werde sehr wohl noch ein Treffen zwischen Phúc und Merkel geben. Der Aufforderung kam Lê nicht nach. Er beharrte auf seiner Ansicht: Ein offizieller Empfang sei nicht geplant und ein Händeschütteln am Rande des Gipfels sei etwas ganz anderes. Daraufhin zog die Botschaft Lês Einladung zu einer Abendveranstaltung im Luxushotel Ritz-Carlton zurück, wo der Premier eine Rede halten sollte.

Nicht nur der Botschaft missfiel der G20-Artikel. Über Facebook erhielt Lê Beleidigungen und Morddrohungen. "Ich lade dich zum Entenblutessen ein", schrieb ihm ein Mann per Privatnachricht. Später rief er auch öffentlich dazu auf, Lê zum Entenblutessen einzuladen. Entenblutessen, das ist eine vietnamesische Metapher für: Ich töte dich.