Jörg Brühmann ist promovierter Biologe. Weil der gebürtige Bayer sein Bayern in der öffentlichen Debatte nicht wiedererkennt, postete er auf Facebook ein Foto von sich und einem Schild mit der Aufschrift "Ned mei Bayern, ned mei Horst" (nicht mein Bayern, nicht mein Horst). Es wurde zehntausendfach gelikt und geteilt.

ZEIT ONLINE: Herr Brühmann, was haben Sie gegen Horst Seehofer?

Jörg Brühmann: Mir geht es nicht nur um ihn. Das Gezeter seit der Flüchtlingskrise geht mir schon lange auf die Nerven. Dann kam Horst Seehofer mit seinem "Der Islam gehört nicht zu Deutschland". Da hat's mir dann endgültig gereicht.

ZEIT ONLINE: Dabei erwähnen Sie das Zitat im Text unter dem Foto gar nicht.

Brühmann: Weil es mir inhaltlich nicht so wichtig war. Es geht doch darum, dass Menschen Angst haben, weil sie nicht wissen, was mit den Flüchtlingen auf sie zukommt. Die Angst kann man ihnen mit dieser Scheindiskussion aber nicht nehmen.

ZEIT ONLINE: Worum ging es Ihnen, wenn nicht um den Islam?

Brühmann: Darum, dass der Heimatminister nicht meine Heimat vertritt. Er wird von außen als der gesehen, der für uns alle hier steht: Bayern, das ist Seehofer. Aber das bin nicht ich. Es gibt ein anderes Bayern, das ich liebe und anderen Menschen zeigen will.

ZEIT ONLINE: Wie sieht dieses Bayern aus?

Brühmann: Es ist tolerant, es entwickelt sich und bleibt sich trotzdem treu. Hier werden neue Dinge mit alten verbunden, wie in der Musik zum Beispiel: Bands wie La Brass Banda, die in Mundart singen und Blasmusik spielen, aber auf neue Art. Diesen Mix finde ich toll.

ZEIT ONLINE: Der bayerische Schriftsteller Georg Lohmeier sagte mal: "Das Bayerische ist eine Denkweise." Wie würden Sie diese Denkweise beschreiben?

Brühmann: Ein Teil davon ist Gemütlichkeit und Geselligkeit. Das man sich auch mit Fremden zusammensetzen kann. Ich hatte in Regensburg studiert, da konnte ich mich im Wirtshaus einfach an einen halbvollen Tisch setzen, ein Bier bestellen und mit den Tischnachbarn reden. In Norddeutschland habe ich das mal versucht, aber ohne Erfolg. Ich will die Norddeutschen nicht kritisieren, ich finde das nur sehr schön am Bayerischen. Das ist auch außerhalb der Kneipen so: Viele sind mit derselben Geselligkeit auf Flüchtlinge zugegangen. Bayern ist vielfältiger, als es von außen gesehen wird. Hier gibt es genauso Grüne und Rote und Leute, die ganz anders denken.

ZEIT ONLINE: Gewählt wird aber immer die CSU.

Brühmann: Ja, sie ist sehr gut vernetzt, das muss man ihr lassen. Ich erkläre das immer so: Warum sollten wir was ändern, solange es nicht viel schlimmer wird? Wenn es doch mal schlimmer wird, dann gibt es immer noch eine Volksabstimmung. Wenn den Leuten hier etwas nicht passt, dann beschweren sie sich direkt. Wir haben einen anarchischen Charakter.