Der Brand in einem Einkaufszentrum in der russischen Industriestadt Kemerowo ist mittlerweile gelöscht, doch noch immer werden zahlreiche Menschen vermisst, darunter viele Kinder. Es ist unklar, wie viele Menschen sich bei Ausbruch des Feuers in dem Gebäude aufhielten. Sicher ist aber, dass das Einkaufszentrum, das mehrere Geschäfte, ein Multiplex-Kino, eine Bowlingbahn, eine Sauna und diverse Restaurants umfasste, an dem Sonntag gut besucht war.

Mindestens 64 Menschen seien gestorben, teilte die zuständige Ermittlungsbehörde mit. Darunter seien mindestens neun Kinder, sagte eine Sprecherin des Katastrophenschutzministeriums der Nachrichtenagentur Ria Nowosti. 120 weitere Menschen konnten nach Angaben der Rettungsdienste in Sicherheit gebracht werden.

Ein elfjähriges Kind und eine 18-jährige Frau, die vor den Flammen aus dem dritten Stock in die Tiefe gesprungen seien, hätten schwere Verletzungen erlitten, sagte Gesundheitsministerin Weronika Skworzowa dem Fernsehsender Rossija 24. Neun weitere Verletzte seien ins Krankenhaus gebracht worden.

Wegen "Verletzung der Sicherheitsbestimmungen" ermittelt

Die Ermittler versuchen derzeit auch herauszufinden, warum das Feuer in einem Kinosaal in der obersten, dritten Etage ausbrach. Es erfasste mehr als tausend Quadratmeter des dreistöckigen Komplexes. Dichter Rauch erschwerte die Arbeit von mehreren Hundert Feuerwehrleuten und Rettungskräften. Erst nach rund sechseinhalb Stunden war der Brand unter Kontrolle. Im russischen Fernsehen waren auch am Montag Bilder zu sehen, wonach aus dem Gebäude dichter schwarzer Rauch drang.

Das Dach des Einkaufszentrums stürzte fast vollständig ein. Im obersten Stockwerk beseitigten Feuerwehrleute am Montag die Trümmer, wie russische Nachrichtenagenturen meldeten. Die Schadenssume wurde auf mehr als drei Milliarden Rubel (42,6 Millionen Euro) geschätzt. Katastrophenschutzminister Wladimir Putschkow reiste inzwischen nach Kemerowo, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen, wie Ria Nowosti meldete.

Zudem gab es vier Festnahmen, darunter der Pächter der Räumlichkeiten, in denen das Feuer ausbrach, und der Chef des Unternehmens, das die Shoppingmall verwaltet. Gegen sie wird wegen "Verletzung der Sicherheitsbestimmungen" ermittelt.

Die Kreml-Beauftragte für Kinderrechte, Anna Kusnezowa, sagte im Fernsehen, Grund für den Brand sei Nachlässigkeit. Das Versagen aller Sicherheitsvorkehrungen sei eindeutig auf Schlamperei und Fahrlässigkeit zurückzuführen, sagte sie dem Sender Rossija-24. Es gebe zwar eindeutige Bestimmungen, die jedoch in der Regel nicht eingehalten werden. "Der eigentliche Grund für diese Katastrophe ist nicht irgendein Kabel, sondern wie wir mit den Bestimmungen umgehen", sagte Kusnezowa. "Es ist ein Signal: Wir müssen alle Einkaufszentren überprüfen."

Kein Feueralarm, die Notausgänge waren blockiert

Das Einkaufszentrum wurde in einer früheren Kuchenfabrik eingerichtet, das Gebäude hat nur wenige Fenster und Türen. Zeugen des Unglücks sagten im russischen Fernsehen, es habe auch kein akustisches Warnsignal gegeben. "Die Menschen fingen einfach an, auf den Ausgang zuzurennen. Dann roch es verbrannt. Da haben wir begriffen, dass das keine Übung war", sagte eine Frau dem Sender Rossija 24. Weitere Überlebende berichteten, die Eingangstüren des Kinos seien verschlossen gewesen. Mitarbeiter des Einkaufszentrums hätten kaum Maßnahmen zur Rettung ergriffen und die Notausgänge blockiert. Als die Türen aufgingen, seien die Korridore bereits voller Rauch gewesen.  

Zahlreiche Bewohner in Kemerowo brachten am Montag Blumen zum Rathaus und legten Stofftiere auf Parkbänke. Eltern klebten Bilder ihrer vermissten Kinder an die Wände. Um 16 Uhr Ortszeit legten Angehörige eine Schweigeminute ein. Die Behörden kündigten eine dreitägige Trauer an.

Russlands Präsident Wladimir Putin sprach den Familien sein Beileid aus, ebenso Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Sie teile "den Schmerz der Menschen in Kemerowo und spricht ihnen ihre tief empfundene Anteilnahme aus", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.