Die Zahl der Übergriffe auf türkische Einrichtungen in Deutschland ist nach Angaben des Bundesinnenministeriums deutlich gestiegen. Die Polizeibehörden zählten im laufenden Jahr bereits 37 Angriffe auf Moscheen, Kulturvereine oder türkische Restaurants, wie eine Sprecherin des Ministeriums bestätigte. Das sei schon jetzt deutlich mehr als im gesamten vergangenen Jahr, in dem nur 13 solcher Fälle registriert worden waren. Für beide Zeiträume handele es sich um vorläufige Zahlen, die sich durch Nachmeldungen der Polizeibehörden der Länder noch verändern könnten, sagte die Sprecherin.

Die Übergriffe könnten im Zusammenhang mit dem Angriff der türkischen Armee auf die Kurdenregion Afrin in Syrien stehen. Die Sprecherin sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, Deutschland sei wegen der vielen hier lebenden Menschen mit Bezug zur Türkei "seit jeher Spiegel und Resonanzboden türkisch-kurdischer Konflikte". Dies gelte "in besonderer Weise vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in und um Afrin".

Die türkische Armee hatte Mitte Januar mit einer Offensive auf Afrin begonnen, auch unter Einsatz von Deutschland gelieferter Panzer. Am Wochenende verkündete die türkische Regierung die Einnahme der Stadt.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan nimmt nun weitere Gebiete im Norden Syriens und im Irak ins Visier. Sein Ziel sei es, alle "Terroristen" aus der Region zu vertreiben. Die Türkei wirft der dort bislang dominierenden Kurdenmiliz YPG eine Nähe zur als Terrororganisation eingestuften, verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei vor. Zahlreiche Experten stufen das Vorgehen der Türkei als völkerrechtswidrig ein.

Wegen der türkischen Offensive sind in den vergangenen Tagen Tausende Menschen aus Afrin geflohen. Es gibt auch Berichte, wonach syrische Verbündete der türkischen Armee geplündert und Brände gelegt haben sollen.

Wegen der Militäroperation der Türkei gibt es in Deutschland auch immer wieder Protestdemonstrationen von Kurden. Am Rande solcher Kundgebungen kam es auch teils zu gewaltsamen Zusammenstößen, unter anderem mit protürkischen Gruppen. Zudem hatte es in den vergangenen Wochen mehrere Brandanschläge und andere Attacken auf Moscheen, Geschäfte und Kulturzentren mit türkischem Hintergrund gegeben. In mehreren Fällen halten es die Ermittler für möglich, dass die Täter aus den Reihen extremistischer Kurden kommen.

Linken-Chefin Katja Kipping forderte die Bundesregierung zum Bruch mit der Türkei auf. "Die Bundesregierung muss endlich Erdoğans Kriegspolitik verurteilen und mit dem islamistischen Unrechtsregime in Ankara brechen", sagte Kipping. "Eine deutsche Außenpolitik, die nur die Rendite von Rüstungsschmieden wie Rheinmetall im Blick hat, macht sich nicht nur mitschuldig an dem Leiden der Kurden in Afrin, sondern gefährdet auch den inneren Frieden im eigenen Land."

Kauder will Nato-Rat einbeziehen

Unionsfraktionschef Volker Kauder zeigte sich "entsetzt" über die Berichte aus Afrin und sagte, Menschenrechtsverletzungen seien nicht hinnehmbar. "In dieser Situation müssen wir schon mit der Türkei reden." Die Berichte, nach denen die Türkei ihre Truppen "marodieren" lasse, dass "Plünderungen schlimmsten Ausmaßes" stattfänden, dies seien harte Vorwürfe gegen das Nato-Mitglied Türkei. "Das erwarten wir nun von der Regierung, dass das mal genauer angeschaut wird. Und im Nato-Rat muss darüber gesprochen werden. Es geht auf gar keinen Fall, dass so etwas passiert."

Es bestehe außerdem noch die Gefahr, dass unter der Türkei dienende Truppen und US-Amerikaner aneinandergeraten könnten. Soldaten der US-Armee hatten bislang in Syrien mit der YPG gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" gekämpft. Kauder sagte, ein Konflikt zwischen den Nato-Partnern Türkei und USA sei "nicht hinnehmbar". Deutschland habe aber auch kein Interesse daran, dass sich die Türkei aus der Nato verabschiede.