Ein gerichtsmedizinisches Gutachten gibt den Ausbildern der Bundeswehr eine Mitschuld am Tod eines Offiziersanwärters, der bei einem Marsch im niedersächsischen Munster im vergangenen Sommer kollabiert und später gestorben war. Das berichtet Spiegel Online unter Berufung auf das Gutachten, das vor wenigen Tagen fertiggestellt wurde. Die Hitzschläge seien vermeidbar gewesen, wenn sich die Ausbilder an die Regeln der Bundeswehr gehalten und ihre Fürsorgepflicht ernst genommen hätten, heißt es dort.

Am 19. Juli 2017 waren während eines Fußmarsches bei knapp 30 Grad Außentemperatur vier Offiziersanwärter kollabiert. Einer der Soldaten starb zehn Tage später in einem Krankenhaus. Ein weiterer leidet noch heute an den Spätfolgen des Vorfalls.

Das rechtsmedizinische Gutachten stellt nun fest, dass der Tod des Soldaten allein auf den Marsch zurückzuführen ist. Demnach habe der verstorbene Sodat weder Vorerkrankungen gehabt, noch hätten er oder die anderen drei kollabierten Soldaten Aufputschmittel oder Drogen genommen, wie zuvor gemutmaßt worden war. Die alleinige Verantwortung liege somit bei den zwei Ausbildern.

Diese hätten mehrfach gegen die Regeln der Bundeswehr verstoßen. So hätten sie eine Kleidung angeordnet, die nicht für einen heißen Sommertag geeignet gewesen sei. Sie hätten die ersten Strafrunden, die die Soldaten drehen mussten, selbst provoziert. Außerdem hätten sie die Regel missachtet, wonach die ganze Gruppe anhalten soll, wenn ein Soldat auf einem Marsch zusammenbricht. Stattdessen spornten sie ihre Rekruten weiter an und ließen den Rest des Trupps sogar Strafrunden drehen als die ersten Soldaten zusammensackten.

Gegen die beiden Ausbilder ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Lüneburg. Sie könnten wegen fahrlässiger Körperverletzung oder sogar wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden.

Auch in Pfullendorf gibt es Gewaltmärsche

Der Generalinspekteur der Bundeswehr Volker Wieker unterrichtete am Freitag die Obleute des Verteidigungsausschusses über das Gutachten. Er kündigte eine Überprüfung aller Teilstreitkräfte der Bundeswehr an. Nach Informationen des Spiegel verschickte Wieker am Donnerstag einen eindringlichen Brief an alle Inspekteure der Teilstreitkräfte und befahl, Vorfälle wie in Munster müssten durch eine bessere Führung ein für alle Mal ausgeschlossen werden.

Seit Monaten kommen immer wieder Skandale in Bundeswehrkasernen ans Licht. Mal geht es – wie in Munster – um drakonische Strafmaßnahmen, mal um sexuelle Übergriffe, mal um rechtsextreme Umtriebe.  

Erst vergangene Woche war bekannt geworden, dass in der Kaserne Pfullendorf in Baden-Württemberg, die im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen bekannt geworden war, Ausbilder ihre Rekruten bis zum Zusammenbruch getrieben haben sollen. Anfang Januar hatte dort ein Geländelauf stattgefunden, den sechs Soldaten aufgrund von körperlicher Erschöpfung oder Verletzung abbrachen. Einer musste ins Krankenhaus. Die Bundeswehr versetzte einen Ausbilder und ermittelt nun intern.

Übernachten im Freien bei Minusgraden

Am Samstag wurde bekannt, dass erneut mehrere Soldaten in Pfullendorf eine Übung abbrechen mussten. Zwölf von 36 Teilnehmern eines viertägigen Lehrgangs seien aus verschiedenen Gründen ausgefallen, sagte ein Bundeswehr-Sprecher. Eine Teilnehmerin bekam dem Sprecher zufolge gesundheitliche Probleme und wurde zeitweise in einem Krankenhaus untersucht. Zum fraglichen Zeitpunkt sei es minus neun Grad kalt gewesen. Die Soldatin hatte demnach vor der Übung angegeben, Antibiotika genommen zu haben, sich für die Teilnahme an dem Lehrgang aber fit zu fühlen. 

Bei dem nun betroffenen Lehrgang, der vom 26. bis 1. März ging, sollten Offizieranwärter der Luftwaffe lernen, wie sie sich nach einem Absturz verhalten sollen. Dabei waren sie demnach rund um die Uhr gefordert und übernachteten in den ersten beiden Nächten auch im Freien – bei Minusgraden. Warum die anderen Soldaten den Lehrgang abbrachen, wurde nicht im Detail mitgeteilt.

Die Bundeswehr musste schon mehrfach in der Staufer-Kaserne ermitteln, nachdem Anfang 2017 Berichte über angebliche sexuell-sadistische Praktiken an die Öffentlichkeit gekommen waren. Die Justiz bestätigte diese Vorwürfe nicht. Darüber hinaus ging es um qualvolle Aufnahmerituale. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte die Vorgänge als "abstoßend und widerwärtig" bezeichnet. Wegen der Aufnahmerituale wurden vier Soldaten entlassen.