Wie gehen wir Menschen damit um, dass wir alle sterben müssen? Wir wollen in der Serie "Der Tod ist groß" den Tod enttabuisieren und fragen nach seiner Rolle in unseren Leben und in unserer Gesellschaft.

Wenn Carola Böhmig tot ist, sollen nur ein paar Kisten übrig sein. Alles andere wirft sie weg oder gibt es weiter: Kaffeegeschirr, Plastikdosen, Bücher, Kleidung, Vasen, Bilder – was sie nicht unbedingt zum Leben braucht, sortiert sie aus. Sie ordnet Fotos und andere Erinnerungen in eine Kiste, auf die sie geschrieben hat: "Wegschmeißen, wenn ich nicht mehr bin". Sie sagt ihrer Tochter, was sie mal gut weiterverkaufen kann ("Die Büroschränke sind von einer gefragten Marke!") und was aus der Schmuckschatulle wertvoll oder ein Erbstück ist.

Böhmig bereitet sich und ihre Wohnung auf den Tod vor, und nennt das Deathcleaning. Doch es ist nicht so, dass der Tod sich schon ankündigen würde. Carola Böhmig ist 55 und selbstständige Unternehmerin in Bielefeld. Sie hat keine chronische Krankheit, keine Befürchtung, in den nächsten Monaten zu sterben. Deathcleaning soll ihrer Tochter als Erbin Arbeit abnehmen nach ihrem Tod. Der Trend aus Schweden steht aber auch dafür, dass Böhmig selbst bestimmen kann, was an sie erinnert – und was ausgeklammert wird: Es ist ein Trend zur Selbstinszenierung über den Tod hinaus.

Angefangen hatte für Böhmig alles mit dem Tod ihrer Mutter vor vier Jahren. Böhmig löste deren Haushalt auf, brauchte vier Monate dafür. "Meine Mutter gehörte zu einer alten Generation, die alles wertgeschätzt und aufgehoben hat", sagt sie. "Es sah aus wie in einem Puppenstübchen: Alles war voll, überall hing was." Auch sie hatte von ihrer Mutter Wertschätzung gelernt und noch deren Stimme im Ohr: Wer ihr die Römergläser geschenkt hatte, bei welcher Oma die Porzellantänzerin auf der Vitrine stand. Ihre Mutter gab ihr nicht nur Gegenstände weiter, sondern auch die Geschichten dazu. "Das Ausräumen war eine Art Zeitreise", sagt Böhmig. Doch sie findet es nicht gut, wenn diese Zeitreise zum Zwang für die Erben wird. "Es kostet Kraft, zu den Dingen Nein zu sagen, und es kostet Platz, wenn man Ja sagt", sagt sie. Ihre Tochter soll es mal leichter haben.

Ihre Mutter hielt an allem fest – Böhmig glaubt an die Kunst, loszulassen. Sie sagt, die Menschen seien zu sehr mit dem Wert der Dinge verhaftet. In ihrem Beruf sieht sie, was passiert, wenn Leute zu sehr an ihrem Besitz hängen: Sie hat mit Messies, Hausauflösungen und Großfamilien mit Platzmangel zu tun. Böhmig arbeitet seit 2004 als Professional Organizer, Ordnung ist ihr Job. Wie man sinnvoll aufräumt, interessierte sie schon, lange bevor sie die Wohnung ihrer Mutter ausräumte und danach Deathcleaning für sich entdeckte. Sie sagt, ein Organisationstalent war sie schon immer. Eigentlich hat sie eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht und verkaufte früher die Dinge, die ihre Kunden heute mit ihrer Hilfe wieder loswerden wollen. Als sie sich als Organizer selbstständig machte, war sie damit die Erste in Deutschland, die diese Leistung für Privathaushalte anbot. "Ich konnte die steigenden Anfragen gar nicht mehr allein bewältigen", sagt sie.

Während ihrer Arbeit sehe sie, wie viele ältere Menschen noch gar nicht bereit seien, darüber nachzudenken, was sie hinterlassen und was das für ihre Nachkommen bedeutet. Viele wüssten, dass sie zu viel besitzen, dass das Gerümpel im Kellerabteil niemand mehr wolle und alte Briefe und Dokumente noch zum Streit führen könnten. Aber sie sagen auch zu Böhmig: Damit sollen sich mal meine Kinder auseinandersetzen, dazu habe ich keine Lust. Die erben ja schließlich auch Geld. Sie würden um jeden Preis die eigene Sterblichkeit im Alltag verdrängen, das sei wichtiger, als Ordnung zu schaffen und Familienkrach zu vermeiden.

Soziologen wie Reimer Gronemeyer sprechen von einer Entfremdung unserer Gesellschaft vom Tod: weil immer mehr Menschen in Krankenhäusern und Heimen sterben statt zu Hause und die Familie den Tod meist nicht mehr miterlebt. Aber auch, weil immer weniger Menschen religiös sind und an ein Leben nach dem Tod glauben. Der Tod wird gleichzeitig abstrakter und endgültiger und dadurch sehr beängstigend. Die Psychologin und Trauerrednerin Ines Sperling beobachtet deswegen auch, dass viele den Tod verdrängen.