16. März 2018. An dieses Datum hatte sich Amal* über zwei Jahre lang geklammert. Danach dürfe sie endlich ihre Kinder nach Deutschland holen, dachte sie. Danach sei der Familiennachzug nicht mehr ausgesetzt, stand in dem Bescheid. Subsidiären Schutz bekomme sie, das stand auch drin. Zweieinhalb Jahre hat Amal, 36, ihre Kinder Tasneem, Abdullah, Raneem und Saleem nicht gesehen. Sie hat dreimal vier Geburtstage verpasst, alle vier im Januar. Als dieses Jahr wieder ein Januar verstrich, in dem ihre Kinder ihr Älterwerden bei der Oma feierten und von Bombenangriffen erzählten, schlimmere als je zuvor, setzte der Bundestag den Familiennachzug erneut aus. Bis Ende Juli. Das Datum im März hatte plötzlich keine Bedeutung mehr.

Im ersten Moment wollte Amal aufgeben. "Ich wollte mir etwas antun", sagt sie leise und schaut auf ihre Schuhe. Sie überlebte Ostghuta, eine der letzten Enklaven der Rebellen gegen Assads Regime. Sie blieb unversehrt, als sie als Frau alleine bis nach Deutschland floh. Sie hielt aus, dass sie von den Kriegsverletzungen der eigenen Kinder nur über Whatsapp erfuhr und ihnen nicht helfen konnte. Aber dass die Chance, ihre Kinder nachzuholen, wieder weiter in die Ferne rückte, das hätte sie fast gebrochen.

Doch Amal riss sich zusammen. Sie malte ein Plakat.

"Ich brauche meine Kinder. Bitte und Bitte und Bitte", schrieb Amal auf das Schild. Darunter zeichnete sie ein weinendes Auge und das Datum, dem sie so lange entgegengefiebert hatte, 16. März 2018. Außerdem klebte sie Fotos von ihren Kindern darauf und zeichnete sich selbst hinter Gittern – ihre Angst, sollte sie nach Syrien zurückkehren. Mit diesem Schild demonstrierte sie im Januar in Bonn und im Februar zweimal in Berlin. Mit ihr liefen viele andere Syrer durch die Straßen, die ihre Familien ebenso vermissten. Viele leben in Berlin, andere sind aus Stuttgart oder Frankfurt angereist. Auf Amals Videos sieht man, wie einige Demonstranten wütend rufen, andere beten, eine Frau schreit verzweifelt mit Blick zum Himmel, bis ihre Stimme zu einem Krächzen wird. Viele recken Bilder ihrer Kinder in die Luft.

Als Amal ihr Schild mit den Bildern ihrer Kinder zeigt, werden ihre Gesichtszüge ganz weich. Ihre älteste Tochter Tasneem, 17, beschreibt Amal als schüchtern und zurückhaltend, am liebsten gehe sie allein spazieren. Ihr Bruder Abdullah, 15, sei ihr Gegenteil: aktiv und am liebsten von der Großfamilie umgeben. Raneem und Saleem, zehn und neun Jahre alt, gehen noch zur Grundschule. Wegen der vielen Bombenangriffe behält die Großmutter sie aber nun zu Hause. An ein Leben vor dem Bürgerkrieg können sie sich gar nicht mehr erinnern. Saleem, der Jüngste, sitzt oft unter dem Tisch und weint. Und seine Schwester Raneem, die kann nicht aushalten, wenn jemand weint. Sie setzt sich dann neben ihn und weint mit. "Saleem braucht viel Zuneigung und Liebe", sagt Amal, "aber ich kann nicht da sein, um sie ihm zu geben".

Amal ist nicht dort, kann nicht zurück und konnte nicht bleiben. Denn wäre sie nicht gegangen, wäre sie heute vermutlich tot, wie ihr Vater.

Zwei Wochen nach der Demo in Berlin. Amal sitzt in ihrem Wohnzimmer im brandenburgischen Strausberg, vor ihr eine Tasse arabischer Kaffee. Eine weiße Eckcouch steht im Wohnzimmer ihrer Zweck-WG, die sie mit einem anderen Flüchtling teilt. In einer Ecke lehnen ein Campingstuhl und ein Wäscheständer. In den Schlafzimmern: jeweils ein Bett auf grauem Linoleum, ein Schrank, kaum persönliche Gegenstände außer einem kleinen roten Kuscheltier auf ihrer Decke. Viel mehr besitzt Amal nicht. Die Möbel habe sie geschenkt bekommen. Egal aus welchem Fenster sie schaut, sie blickt auf Plattenbauten, die so aussehen wie ihrer.

Auf ihrem Laptop zeigt sie Fotos von ihrem Vater: wie er in der Moschee steht und betet. Er war Imam. Wie er zu Hause in Damaskus auf der Couch sitzt, einen Enkel auf dem Schoß. Er hat dicke Backen, die sich beim Lächeln in Richtung Augen bewegen, und einen kugeligen Bauch, der sich unter seinem weiten Gewand abzeichnet. Dann zeigt sie Fotos von ihm, wie er aussah, als die Familie ihn aus dem Gefängnis abholte. Tot, in ein weißes Tuch gewickelt. Die Backen eingefallen, der Körper ganz schmal. Sachlich und abgeklärt weist sie auf Spuren der Folter hin: Blutergüsse, gebrochene Knochen, blutige Stellen an den Schläfen.

Der Vater sei an einem Tag einfach nicht mehr aus der Moschee zurückgekommen. Zwei Monate später sei ein Anruf der Polizei gekommen: Sie könne nun die Leiche abholen. Bis heute weiß die Familie nicht genau, warum er festgenommen wurde. Amal sagt, ihr Vater habe sich nie gegen das Regime eingesetzt. Im Gegenteil: Im Wohnzimmer hing lange ein Foto von Assad, das der Vater nur abnahm, um Familienstreit zu vermeiden. Ein Onkel hatte sich von dem Gesicht Assads provoziert gefühlt. "Ihr unterstützt einen Mörder!", hatte der Onkel gesagt. Assads Regime hatte dessen Sohn, also Amals Cousin, getötet. Die Familie sagt, der Cousin habe als Arzt Rebellen geholfen, deswegen habe er sterben müssen. Der offizielle Vorwurf lautet, dass er bei der Planung eines Attentats geholfen habe. Nach dem Tod von Amals Vater sagte derselbe Onkel: "Seht ihr, und ihr habt Assad lange unterstützt! Was hat es euch gebracht?" Auch Amals Bruder saß in Haft, noch bevor das mit ihrem Vater passierte. Nach zwei Monaten kam er wieder frei und floh nach Deutschland.

*Um die Privatsphäre von Amal und ihrer Familie zu schützen, verzichten wir darauf, ihren Nachnamen zu nennen.