ZEIT ONLINE: Seit Jahren sinkt in Finnland die Obdachlosigkeit. Herr Kaakinen, was läuft in Finnland richtig?

Juha Kaakinen: In Finnland sinkt die Obdachlosigkeit seit den Achtzigern, weil Regierung und NGOs sehr eng zusammenarbeiten. Außerdem ist in der finnischen Gesellschaft tief verankert, dass wir uns um alle kümmern müssen und keiner zurückgelassen wird. Ich denke, jeder Mensch hat ein Grundrecht darauf, einen anständigen Ort zum Leben zu haben.

Aber bis vor zehn Jahren haben wir die Gruppe der Langzeitobdachlosen, die auf der Straße leben, nicht erreicht. Damals gab es vor allem in der Metropolregion Helsinki viele Menschen, die auf der Straße lebten. In einem Park hatten sich Obdachlose kleine Dörfer aus Zelten und Hütten zwischen den Bäumen gebaut und dort in ärmlichen Verhältnissen gelebt.

Jetzt, zehn Jahre später, sieht man in Finnland keine Obdachlosen mehr, wenn man durch die Straßen läuft. Es gibt immer noch Leute, die keine eigene Wohnung haben und zum Beispiel bei Freunden unterkommen. Aber das Phänomen der Straßenobdachlosigkeit gibt es in Finnland nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Kaakinen: Wir haben das Prinzip umgedreht: Normalerweise müssen Obdachlose erst ihr Leben auf die Reihe kriegen, um wieder eine eigene Wohnung zu bekommen. Wir machen das andersherum. Wir geben ihnen eine dauerhafte Wohnung, damit sie ihr übriges Leben wieder in den Griff kriegen können. Seit 2008 gibt es das Housing-First-Programm in den zehn größten Städten in Finnland. Wir sprechen Obdachlose auf der Straße an, in den Heimen, bei Treffen mit Sozialarbeitern.

ZEIT ONLINE: Wie gut funktioniert das?

Kaakinen: Wir haben 4.600 Wohnungen bereitgestellt, in denen ehemalige Langzeitobdachlose wohnen. Gleichzeitig verlieren natürlich auch neue Leute ihre Wohnung, der Bedarf ist größer als die Zahl der Plätze, die wir anbieten können. Letztes Jahr waren noch 1.900 Menschen obdachlos, für sie stehen Betten in Notunterkünften bereit. Die "Hardcore"-Obdachlosigkeit ist also sehr niedrig in Finnland, anders als zum Beispiel in Deutschland, wo die Anzahl der Obdachlosen auf den Straßen gerade drastisch steigt.

ZEIT ONLINE: In welche Häuser ziehen die Obdachlosen?

Kaakinen: Wir haben den Großteil der Obdachlosenheime in Wohnungen umgebaut. In jeder Stadt gibt es nur noch eine Notunterkunft. Zum Beispiel wurde kürzlich das letzte große Obdachlosenheim in Helsinki fertig renoviert. Früher konnten dort 250 Obdachlose in Schlafsälen kurzfristig nächtigen. Jetzt wohnen hier 80 ehemalige Obdachlose in ihren eigenen Apartments: etwa 35 Quadratmeter pro Person auf einem oder zwei Räumen, mit Bad und Küche.

Dieser Platzvergleich zeigt schon: Wir konnten den Bedarf nicht mit den bestehenden Heimen decken. Deswegen haben wir neue Häuser gebaut und auch Häuser vom privaten Markt für Obdachlose aufgekauft. Dieses Modell ist bisher einzigartig.

ZEIT ONLINE: Woher kam das Geld dafür?

Kaakinen: Um die Organisation kümmern sich hauptsächlich die NGOs. Wenn wir neue Häuser bauen, bekommen wir günstige Anleihen vom Staat. Er übernimmt auch die Kosten für die Sozialarbeiter. Wenn wir Häuser vom privaten Markt kaufen, unterstützt uns die finnische Lotterie zu mindestens 50 Prozent. Den Rest leihen wir uns ganz normal von Banken und zahlen die Kredite mit den Mieteinnahmen zurück.

ZEIT ONLINE: Und wer zahlt die Miete?

Kaakinen: Für die Miete sind die Bewohner selbst verantwortlich und müssen sich darum kümmern, dass das Geld bei ihrem Vermieter ankommt. Sie bekommen aber Wohngeld und Sozialleistungen vom Staat, wenn sie noch keinen Job haben, um selbst dafür zu zahlen. Die Miete ist auch sehr viel niedriger als auf dem privaten Mietmarkt. In der Region um Helsinki, wo die Preise am höchsten sind, kostet der Quadratmeter Miete oft über 20 Euro. Für die Obdachlosen liegt der Preis zwischen 11 und 13 Euro.

Es hätte zwar viele freie Wohnungen auf dem Land gegeben. Aber uns war es wichtig, Obdachlose nicht wegen der hohen Mietpreise in andere Regionen zu verfrachten. Dann könnten sie wichtige soziale Netze verlieren. Sie sollen dort leben können, wo sie wollen – auch in der teuren Gegend rund um Helsinki.