Erinnert sich jemand an Daimler-Chef Dieter Zetsche? Der hat im September 2015 – auf dem Höhepunkt der Willkommenskultur – gesagt, die ins Land kommenden Flüchtlinge könnten die Grundlage für "das nächste deutsche Wirtschaftswunder" werden.

Solche Aussagen sind der Grund dafür, dass die Migrationsdebatte so verfahren ist, weshalb nun die Republik im Umgang mit dem Ausländerstopp der Essener Tafel munter am Kern des Problems vorbeiredet: dass sich nämlich mit dem Zuzug von Flüchtlingen die Verteilungsfrage neu stellt.

Das ist übrigens alles andere als offensichtlich. Jeder Mensch ist ökonomisch betrachtet – und diese Betrachtungsweise soll hier im Vordergrund stehen – Konsument und Produzent. Wenn Menschen nach Deutschland einwandern, dann müssen sie essen, trinken, wohnen. Das kostet Geld. Sie können aber auch arbeiten gehen, Steuern bezahlen, etwas aufbauen. Das bringt Geld ein.

Aus den Diskussionsbeiträgen von Leuten wie Zetsche spricht die Überzeugung, dass die Flüchtlinge am Ende mehr einbringen, als sie kosten. Das ist ja auch nicht völlig unplausibel. Es gibt in Deutschland zu wenig Fachkräfte und irgendjemand muss die alternde Bevölkerung pflegen, wenn das nicht die Roboter übernehmen sollen. Und die eingewanderten Flüchtlinge sind größtenteils jünger als die einheimische Bevölkerung.

Das Problem ist nur: Es wird dauern, bis diese Rechnung aufgeht, wenn sie überhaupt jemals aufgeht. Das liegt nicht nur an Integrationshemmnissen wie der langsamen Bearbeitung von Asylanträgen. Denn da Sozialleistungen in Deutschland vergleichsweise üppig sind, leisten nur Arbeitnehmer mit einem guten Einkommen einen Beitrag zur Finanzierung des Sozialstaats. Wer wenig oder gar nichts verdient, ist spätestens mit dem Eintritt in das Rentenalter eine finanzielle Bürde für das Gemeinwesen.

Flüchtlinge retten unsere Rente nicht

Der Finanzwissenschaftler Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat das in einer Modellrechnung illustriert: Wenn eine Million Flüchtlinge aufgenommen werden, erst in 20 Jahren voll in den Arbeitsmarkt integriert sind und die Leistungsfähigkeit von Einheimischen mit einem geringen Qualifikationsniveau erreichen, dann belastet das die Staatskasse langfristig mit bis zu 400 Milliarden Euro zusätzlich. Nur wenn alle Neuankömmlinge in zehn Jahren die Leistungskraft von Menschen mit Berufsausbildung erreichen, übersteigen die zusätzlichen Einnahmen aus der Zahlung von Steuern und Abgaben die Mehrausgaben für Rente oder Kindergeld um 20 Milliarden Euro. Dass die Flüchtlinge unsere Rente retten, ist demnach eher unwahrscheinlich.

Über die Details solcher Rechnungen kann man streiten, unstrittig ist jedoch: Die Aufnahme von Flüchtlingen ist mit Belastungen für die einheimische Bevölkerung verbunden – es konkurrieren mehr Menschen um Wohnungen, Kindergartenplätze, Sozialleistungen.

Dieses Dilemma lässt sich auch nicht durch den Verweis auf die vollen Staatskassen aus der Welt schaffen. Denn gibt der Staat einen Teil seiner Haushaltsüberschüsse für die Flüchtlinge aus, damit die nicht mehr bei den Tafeln mit Essen anstehen müssen, bleibt weniger für den Rest der Bevölkerung – zumal sich zumindest kurzfristig nicht alle Engpässe mit Geld beseitigen lassen. Es dauert eben, bis neue Grundschullehrerinnen und -lehrer ausgebildet und neue Wohnungen gebaut sind.

Sicher: Es wäre einiges gewonnen, würde man die Lasten der Zuwanderung nach Möglichkeit nicht auch noch denjenigen aufbürden, die ohnehin gerade so über die Runden kommen. Es würde beispielsweise dem gesellschaftlichen Frieden dienen, wenn der Bau von Flüchtlingsunterkünften sich aus den Randbezirken eher in die besseren Wohngebiete der Innenstädte verschieben würde. Man könnte auch die Kosten der Flüchtlingskrise über eine Sonderumlage bei den Spitzenverdienern finanzieren. Der entscheidende Punkt aber ist: Die Verteilungskonflikte lassen sich dadurch abmildern, aber nicht beseitigen.

Folgt daraus, dass Deutschland keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen sollte? Überhaupt nicht. Aber es würde der Sache vermutlich dienen, wenn mit offenen Karten gespielt würde. Die Aufnahme von Menschen in Not setzt die Bereitschaft zum Verzicht – altmodisch formuliert: zum Teilen – auf der Seite der aufnehmenden Bevölkerung voraus. Es handelt sich um einen humanitären Akt, kein Geschäft.

Dies anzuerkennen könnte zur Entgiftung der Migrationsdebatte beitragen – und damit vielleicht auch zur Akzeptanz der Flüchtlingspolitik. Nicht nur in Essen.