Dieses Mal blieben die Bürgersteige vor der Synagoge im südfranzösischen Nizza nicht kahl: Als am Mittwochabend Tausende Französinnen und Franzosen für die ermordete jüdische Großmutter Mireille Knoll auf die Straße gingen, lagen auch hier weiße Rosen vor dem Gotteshaus aus weißen Backsteinen. Es ist nicht der erste Mord an einer Person mit jüdischer Religion in den vergangenen Monaten, es ist sogar der zwölfte – aber zum ersten Mal hat er die Menschen aufgerüttelt.

Vielleicht, weil es ausgerechnet eine Frau traf, die als Mädchen den Nazis nur knapp entkommen war. Vielleicht war es auch das Foto dieser zerbrechlich wirkenden alten Dame, die Menschen zu Tausenden bei Einbruch der Dunkelheit auf die Straße trieb: Mireille Knoll war an Parkinson erkrankt und bewegte sich im Rollstuhl fort. Sie lebte bescheiden in einer Sozialwohnung und war nach Aussage ihrer Enkelin keine praktizierende Jüdin. Doch wegen ihre Religion wurde sie umgebracht. Eine barbarische Tat, die die Menschen in Paris und in allen größeren Städten mit Plakaten und weißen Rosen verurteilten.

Es war ein politischer Mord und auch die Demonstration war politisch aufgeladen: Als sich die rechtsextreme Parteichefin Marine Le Pen in Paris unter die Menge mischen wollte, mussten ihre Leibwächter sie abschirmen, die Menge buhte sie aus. Mireille Knoll starb an den Messerstichen eines Antisemiten, und die würden, sagt der jüdische Verband Crif, auch von der Front National aufgehetzt. Die linke Partei der "Unbeugsamen" wollte der Crif ebenfalls nicht in den Reihen der Trauernden sehen, denn die hatte sich für den wirtschaftlichen Boykott  israelischer Siedlungen ausgesprochen.

Viele antisemitische Übergriffe

Der Verband wurde dafür kritisiert, Linke und Rechte gleichermaßen abzulehnen. Die Familie von Mireille Knoll betonte, "alle Demonstranten" seien willkommen. Es sind aufwühlende Tage für die jüdische Community in Frankreich und ihre Mitglieder sind nicht alle einer Meinung.

Aufwühlend auch, weil der Mord so gewaltsam war. Mireille Knoll wurde am vergangenen Freitag in ihrer Pariser Wohnung erst erstochen und dann verbrannt. Die 85-Jährige floh als Kind vor der Schoah von Paris nach Portugal und kam nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in die französische Hauptstadt. Einen der beiden festgenommenen Tatverdächtigen soll sie schon seit dessen Kindheit kennen. Der nun 27-Jährige war bereits für Gewalttätigkeiten und sexuelle Übergriffe verurteilt worden. Laut dem Pariser Innenministerium hätten  antisemitische Vorurteile beide Beschuldigte zu der Gewalttat verleitet: Sie seien davon ausgegangen, dass sie als Jüdin "sicherlich reich" sei, obwohl das nicht der Fall war. 

In demselben Pariser Viertel hatte es vor einem Jahr schon einmal einen religiös begründeten Mord gegeben: Die 65-jährige Jüdin Sarah Halimi wurde im April 2017 von einem Nachbarn aus dem Fenster gestoßen. "Französische Juden sind sehr verunsichert. In manchen Vierteln fürchten sie um ihr Leben," sagt Simone Rodan-Benzaquen, die europäische Direktorin des American Jewish Comitee. Seit mehr als 15 Jahren nehme die Zahl der antisemitischen Überfälle in Frankreich zu.

Rassistische Beleidigungen und Übergriffe in Frankreich richten sich zu einem Drittel gegen Jüdinnen und Juden, wobei sie nur rund ein Prozent der Bevölkerung stellen. Und auch wenn 2017 die Übergriffe auf jüdische Institutionen und Synagogen zurückgegangen sind, wurden die Täter  häufiger gewalttätig: Das Innenministerium zählt für das vergangene Jahr 97 Gewalttaten, ein Jahr zuvor waren es 77.

Verschiedene Gruppierungen heizen den Antisemitismus im Nachbarland an: Der rechtsextreme Front National will sich zwar von seiner antisemitischen Vergangenheit befreien, hat in seinen Reihen aber Neonazis, die beispielsweise mit Sieg-Heil-Gruß auf Fotos erscheinen. Erst vor wenigen Tagen wurde Parteigründer Jean-Marie Le Pen für seinen Spruch, die Gaskammern der Nazis seien nur "ein Detail der Geschichte" gewesen, letztinstanzlich zu einer Geldstrafe von 30.000 Euro verurteilt. Auch eine Reihe sogenannter Intellektueller wie Alain Soral betreiben in Reden und Blogs antisemitische Hetze.

Neue Gesetze gegen den Hass

Nun will die Regierung von Emmanuel Macron diese Hetze verhindern. Lehrer und Dozenten an Universitäten sollen dafür ausgebildet werden, mit Antisemiten unter ihren Schülern und Studierenden umzugehen, kündigte Macron Mitte des Monats an. Zudem sollen es neue Gesetze erleichtern, hasserfüllte, antisemitische und rassistische Seiten und Inhalte im Internet zu verbieten. Auch auf europäischer Ebene will der Präsident dafür sorgen, dass soziale Netzwerke "sehr schnell die verletzenden Schlammschlachten von ihren Seiten löschen." Es könne nicht sein, dass ein illegales Fußballvideo schneller vom Netz genommen werde als antisemitische Hetze.

Frankreich muss handeln, wenn es weiterhin das europäische Land mit der größten jüdischen Gemeinde in Europa bleiben will. Rund 500.000 Menschen jüdischen Glaubens leben hier. Sie waren in den vergangenen Jahren besonders von Terroranschlägen betroffen. Die tödlichen Überfälle auf einen jüdischen Supermarkt 2015 und 2012 auf eine jüdische Schule führten dazu, dass viele Menschen Frankreich Richtung Israel verließen. Unmittelbar nach den Ereignissen waren es mehr als 7.000 Menschen pro Jahr, in den vergangenen Jahren sank diese Zahl wieder ein wenig. 

Vielleicht können die Demonstrationen am Mittwochabend die jüdische Community wieder ein wenig mit Frankreich versöhnen: Sie waren die größten und die mit den meisten Prominenten seit vielen Jahren.