Niemand soll je behaupten, dass es leicht wäre, so etwas wie den Holocaust zu verarbeiten. Und es soll niemand sagen, dass es einfach möglich wäre, in Familien über so schwierige Dinge wie jene Frage offen zu reden, ob Opa auch Juden ermordet hat oder nicht, ob Oma tatenlos zugesehen hat oder nicht.

Ich selbst habe meinem Vater solche schwierigen Fragen auch noch nicht gestellt. Von meinem vor vielen Jahren verstorbenen Großvater weiß ich nicht viel mehr, als dass er als Soldat der Wehrmacht in Frankreich war. Aber in so einer Mischung aus Angst vor der Antwort und in der Ahnung, dass mein Vater die Frage ohnehin nicht wird mit Sicherheit beantworten können, habe ich es doch immer unterlassen. Ich hatte auch Angst, mein Vater könnte hinter solchen Fragen anderes, also andere Konflikte, vermuten. Stattdessen habe ich mir das Schweigen versucht zu erklären. 

Ein dunkles, privates Loch

Ich bin darin typisch deutsch, – typisch ost- und westdeutsch gleichermaßen –, und typisch nicht nur für meine Generation. Die wenigsten Familien hierzulande können Fragen nach ihrer eigenen NS-Verstrickung mit Sicherheit beantworten. Da klafft, auch wenn wir uns gern als Weltmeister der Aufarbeitung bezeichnen, auch wenn wir immerzu Stolpersteine legen und Denkmäler besichtigen, ein ziemlich dunkles und sehr privates Loch. 

Aber kein anderes Land hat je auf eine derart industrielle Art und Weise getötet wie unsere Vorfahren in den Vernichtungslagern. So lange ist das noch nicht her. Und die Frage, wie wir mit dieser Schande und einstigen Schuld umgehen sollen, hat die hiesige Identitätsdebatte eigentlich seit der Gründung der beiden deutschen Staaten beherrscht. Sie hat uns wie keine andere von jeher untergründig organisiert, zusammengehalten oder, wie während der westdeutschen Studentenbewegung 1968, auseinandergetrieben.

Gehört Auschwitz noch zur deutschen Identität?

Und seitdem nun die rechtspopulistische AfD in den Bundestag eingezogen ist und deren Mitglieder in regelmäßigen Abständen mit verstörenden Aussagen wie der von Alexander Gauland, dass wir wieder stolz sein sollten auf die Leistungen der Soldaten der Wehrmacht, die Grenzen unseres Geschichtsverständnisses auch öffentlich über bisherige Tabugrenzen hinaus zu verschieben versuchen, kann man spüren, dass diese Frage in Wahrheit erneut höchst aktuell und alles andere als gestrig ist. Sie stellt sich uns noch einmal neu, weil die bisherigen Antworten offensichtlich nicht mehr ausreichen. Sie lautet: Aus welchen Teilen soll sich eine deutsche Identität im 21. Jahrhundert zusammensetzen? Auf welchem Geschichtsverständnis soll sie beruhen? Gehört Auschwitz noch dazu?

In der vorvergangenen Woche hat der renommierte Gewaltforscher und Antisemitismusexperte Andreas Zick von der Universität Bielefeld gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Psychologen Jonas Rees, und der Berliner Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" eine neue Studie mit dem Titel Trügerische Erinnerungen: Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert veröffentlicht. Deren Ergebnisse markieren eine nicht unwesentliche Verschiebung in der Selbstwahrnehmung der Deutschen: In der Rückschau sind die Deutschen von einem Volk der Täter zu einem der Helfer, Helden und Opfer geworden. "Als ich die Ergebnisse zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich gefragt, wie viele Juden wir eigentlich gerettet haben wollen", sagt Andreas Eberhardt, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ, und meint das durchaus sarkastisch. 

Seine Studie wirft nun, schwarz auf weiß, eine ganze Menge neuer Fragen auf: Wie kam es zu dieser Verschiebung in der Selbstwahrnehmung? Und zeigen solche Ergebnisse nicht an, dass die AfD mit ihrem geschichtspolitischen Kurs, auch wenn das eine bittere Einsicht ist, insofern richtig liegt, dass sie sich jene Verschiebung, jenen Paradigmenwechsel, längst produktiv zu eigen gemacht hat? Sie mithin nur etwas sichtbar macht, was vor ihr längst latent und unausgesprochen existiert hat? Nach dem wichtigsten Ereignis des 20. Jahrhunderts befragt, geben 39 Prozent die Wiedervereinigung an, 37 Prozent den Zweiten Weltkrieg und nur 8 Prozent explizit den Holocaust. Wird die deutsche Schuld den Deutschen langsam lästig?