Eine sechste Klasse in einer Grund- und Mittelschule in Berlin-Moabit. 25 Kinder sollen im Klassenrat über ihre Probleme diskutieren. Doch das Gespräch artet wieder einmal aus: Sie beleidigen sich gegenseitig, werden persönlich, anstatt Argumente auszutauschen. "Sie wissen nicht, wie man miteinander umgeht, es gibt keine Wertschätzung füreinander", sagt Franca Hielscher. Sie ist als Schulbegleiterin über Teach First an der Brennpunktschule. In der Klasse ist sie für die drei Flüchtlingskinder zuständig.

Die beiden Jungen und das Mädchen hatten zuerst eine Vorbereitungsklasse besucht und Deutsch gelernt, dieses Schuljahr sind sie in die Regelklasse gewechselt. Seit 2015 hat das deutsche Schulsystem etwa 130.000 jugendliche Flüchtlinge wie sie aufgenommen. Beim Unterrichtsstoff kommen sie manchmal noch nicht gut mit, aber das erwartet auch noch niemand von ihnen. Sie sollen sich aber schnell ans Schulsystem, die Bildungssprache und die Lehrmethoden gewöhnen. Und vor allem: von ihren Mitschülern und Mitschülerinnen soziale Umgangsformen lernen, die in Deutschland üblich sind. Das Problem ist nur: Oft beherrschen die anderen Kinder sie auch nicht. Lernen können sie so kaum was voneinander, es fehlt an Vorbildern.

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat stichprobenartig in deutschen Großstädten und Ballungszentren die Situation der Flüchtlingskinder in segregierten Schulen untersucht. Dort kommen durchschnittlich 61 Prozent der Schüler aus wirtschaftlich und sozial benachteiligten Familien, 69 Prozent haben einen Migrationshintergrund, acht Prozent sind neu zugewandert. Die Studie liefert keine repräsentativen Forschungsergebnisse, es wurden lediglich Schulbegleiter und Betreuer wie Franca Hielscher aus 56 Problemschulen in fünf Bundesländern befragt, die über die NGO Teach First nach ihrem Studium an die Schulen kamen. Aber trotzdem sagen deren Berichte einiges über die Schwierigkeiten der Integration und über fehlende Lehrkräfte an Mittel- und Gesamtschulen aus.

Arm trifft auf Arm – und auf Flüchtlinge

Vor allem in den Großstädten konzentrieren sich Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen oft an bestimmten Schulen – weil sie in derselben Gegend wohnen und weil viele der bildungsbeflissenen Eltern ihre Kinder lieber an andere Schulen schicken, wo es nur wenige Kinder aus nicht Deutsch sprechenden und sozial schwachen Familien gibt. Es trifft Arm auf Arm, und jetzt eben auch auf Flüchtlinge. Auf der anderen Seite unterrichten Schulen mit Kindern aus eher gebildeten Familien oft gar keine Flüchtlinge.

Natürlich lässt sich eine Mischung nicht erzwingen: Wenn Flüchtlingskinder, die oft jahrelang keine Schule besuchen konnten und erst seit einem Jahr Deutsch lernen, nicht bereit fürs Gymnasium sind, ist das nicht verwunderlich. Es wird versucht, gegenzusteuern – aber trotz der Regel, Flüchtlingskinder nicht längerfristig in "reinen Ausländerklassen" zu unterrichten, halten sich nicht alle Schulen daran. Ende 2017 erhielten beispielsweise 16 Berliner Schulen eine Sondergenehmigung dafür vom Abgeordnetenhaus.

In der Studie heißt es zwar auch, dass Flüchtlingskinder in Klassen mit hohem Migrationsanteil oder an Brennpunktschulen nicht unbedingt schlechter lernen, weil die Lehrer oft besser mit Vielfalt umgehen können. Aber jugendliche Flüchtlinge kommen oft in ihrer gesamten Schullaufbahn kaum in Kontakt mit Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund oder mit stabilem Familienhintergrund – wobei die zwei Gruppen keinesfalls deckungsgleich sind.