"Migranten haben zu wenig Erfahrung mit Politik"

ZEIT ONLINE: Herr Öztas, sie sind seit 2016 Bürgermeister von Heusenstamm, einer Stadt mit 19.000 Einwohnern. Wie kam es dazu?

Öztas: Ich bin in Frankfurt als Sohn türkischer Eltern geboren und aufgewachsen. Als ich nach der Heirat mit meiner Frau eine Wohnung gesucht habe, war es damals schwierig, mit meinem Namen überhaupt etwas zu finden. Außerdem wollten wir ohnehin die Großstadt verlassen. Also kauften wir uns ein Haus in Heusenstamm.

ZEIT ONLINE: Und dann engagierten Sie sich gleich in der Lokalpolitik?

Öztas: Nein, gar nicht. Ich bin zwar seit der Jahrtausendwende in der SPD, ursprünglich um gegen Roland Kochs Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft zu protestieren. Wirklich aktiv war ich aber nie. Doch ich hatte verschiedene Ehrenämter. Man kannte mich. 

ZEIT ONLINE: Wie kam es zu Ihrer Bürgermeisterkandidatur?

Öztas: Der SPD-Ortsvereinsvorsitzende hatte mich einfach gefragt, ob ich hier in Heusenstamm Bürgermeister sein will. Man muss dazu wissen, dass die CDU hier fast 70 Jahre lang den Bürgermeister gestellt hatte. Meine erste Frage an den Ortsvereinsvorsitzenden war deshalb, ob er noch ganz nüchtern ist.

ZEIT ONLINE: War er nüchtern?

Öztas: Ja, und er meinte es völlig ernst. So kam eins zum anderen. Ich war auf den Veranstaltungen im Ort, habe meine Visionen für Heusenstamm bei größeren Podiumsdiskussionen vorgestellt. Die haben den Menschen wohl zugesagt.

ZEIT ONLINE: Ihren Amtseid legten Sie mit den Worten "so wahr mir Gott helfe" ab. In der Öffentlichkeit sprechen Sie aber nicht über Ihre Religion. Warum?

Öztas: Das Problem ist, dass Religion politisiert wird. Mein Glaube ist mir wichtig, aber er sollte in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen. Ich denke, der Glaube ist eine Beziehung zwischen einem Individuum und einem Gott. Diese Beziehung muss niemand preisgeben. Ich respektiere jeden, ich kann auch sehr gut mit den örtlichen Pfarrern zusammenarbeiten, ich respektiere aber auch diejenigen, die nicht glauben.

ZEIT ONLINE: Die Leute haken nicht nach? Sie sind der erste türkischstämmige Bürgermeister Hessens, deutschlandweit hat nicht einmal eine Handvoll Ihrer Amtskollegen einen ähnlichen Hintergrund. Das ist zumindest besonders. 

Öztas: Im Wahlkampf war das ein Thema. Da wurde behauptet, meine Frau würde Kopftuch tragen. Das war aber ganz einfach zu entkräften: Sie trägt keines. Ansonsten ist mein Glaube kein Thema hier. Die Leute wissen, wer ich bin, wo ich aufgewachsen bin, wie ich denke, wie ich handle.

"Ich muss 120 Prozent Leistung erbringen, um 100 Prozent Anerkennung zu bekommen"

ZEIT ONLINE: Sie hören gar keine dummen Sprüche?

Öztas: Überhaupt nicht. Es gibt hier nicht mal den Ansatz von Ausgrenzung oder Diskriminierung oder verbale Entgleisungen. Ich habe auch nicht im Geringsten verspürt, dass ich aufgrund meines Glaubens hier nicht angekommen wäre. Ich weiß, dass ich in meiner Position 120 Prozent Leistung erbringen muss, um überhaupt 100 Prozent Anerkennung zu bekommen. Aber ich arbeite gerne und ich möchte auch das Vertrauen, das in mich gesteckt wurde, nicht enttäuschen.

ZEIT ONLINE: Sie wurden zu einer Zeit Bürgermeister, als besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Viele Orte klagten über den Zuzug, es gab Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und auch umgekehrt machten einige Flüchtlinge Probleme. Wie war das in Heusenstamm?

Öztas: Wir haben rund 300 Flüchtlinge aufgenommen und es gibt null Probleme. Wenn sich allein in Heusenstamm sechzig, siebzig Menschen bereit erklären, von morgens bis abends den Flüchtlingen ein schönes Leben zu bieten, dann zeigt das auch, dass es am Ende klappen kann. Ich habe eine neue Stabsstelle für Integration gegründet und mich in die Einrichtungen zu den Flüchtlingen gesetzt. Ich habe ihnen gesagt, dass man in Deutschland friedlich zusammenleben kann. Dass Dinge hier aber anders laufen als in Afghanistan oder Pakistan.

ZEIT ONLINE: Und das hat funktioniert?

Öztas: Ja. Möglicherweise hat es geholfen, dass hier jemand Bürgermeister ist, der mit diesen Menschen umgehen kann, weil er deren kulturellen Hintergrund kennt und weiß, was deren Sorgen sind. Aber auch die Migranten müssen sich öffnen und auf andere zugehen. Sie müssen sagen, was ihre Probleme sind. Wir müssen anerkennen, dass nicht nur die Flüchtlinge mit ihrem Hintergrund für uns fremd sind, sondern wir umgekehrt auch für sie. Nur durch respektvolles Miteinander kann man sich gegenseitig verstehen. Die Flüchtlinge können, wie alle Bürgerinnen und Bürger, jederzeit bei mir vorbeischauen. Der ein oder andere kam auch. Wir haben zum Beispiel einen Flüchtling, der in die Freiwillige Feuerwehr eingetreten war und in einen anderen Ort im Landkreis verlegt werden sollte. Da habe ich mich für ihn eingesetzt, dass er bei uns bleiben kann.

ZEIT ONLINE: Fast jeder Vierte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber kaum ein Bürgermeister. Und der neuen Bundesregierung gehört kein einziger Politiker und keine einzige Politikerin mit Migrationshintergrund an. Dabei scheint das einen Effekt zu haben: Sie gehen zum Beispiel die Integration anders an. Was sind ihrer Meinung nach die Gründe für die schlechte Repräsentation?

Öztas: Ich erkläre mir das so, dass das Interesse an Politik bei den Familien mit Migrationshintergrund noch gering ist. Das hat, glaube ich, weniger mit Politikverdrossenheit zu tun als mit fehlender Erfahrung mit Politik. Viele waren lange nicht wahlberechtigt oder sind es immer noch nicht. Außerdem muss man erst mal einer Wählervereinigung oder einer Partei beitreten, um überhaupt die Chance zu bekommen, sich aufstellen zu lassen. Die Hürden sind zahlreich und die Strukturen kompliziert.

ZEIT ONLINE: Bedauern Sie das?

Öztas: Ich beobachte eher, dass sich diese Leute zunehmend für Politik begeistern. Die politischen Parteien müssen auf diese Menschen zugehen. In Hessen haben sich Migranten zu Wählergruppen zusammengeschlossen und sitzen mittlerweile in verschiedenen Kommunen in der Stadtverordnetenversammlung. Das wird mehr. Wichtig wäre aber ein Zusammenschluss mit den Parteien.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Öztas: Das Parlament soll ja im Optimalfall ein Spiegelbild der Bevölkerung sein. Insofern sollten alle Parteien durch eine entsprechende Aufstellung von Personen versuchen, darauf hinzuwirken. Die Gesellschaft wandelt sich. Ohne politische Teilhabe und Mitbestimmung für alle wird es keine Integration geben.