Der Tod des Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten stellt eine Zäsur in der Slowakei dar. Ein Mord an einem Journalisten sei für ihn bislang unvorstellbar gewesen, sagt Pavol Lacko. Der Politikwissenschaftler arbeitet als Analytiker für die Nichtregierungsorganisation Fair-Play Alliance (FPA). Seit 2002 versuchen sie, Fälle von Geldverschwendung, Machtmissbrauch und Korruption in der Slowakei aufzudecken.

ZEIT ONLINE:Herr Lacko, Ján Kuciak wurde vor seiner Ermordung öffentlich gedroht. Ein Einzelfall, oder gehört das zum Alltag von Journalisten in der Slowakei?

Pavol Lacko: Wir als Gesellschaft dachten, dass wir das Schlimmste schon hinter uns hätten: In den 1990er-Jahren galt die Slowakei als das schwarze Loch Europas. Journalisten wurde gedroht, einige fanden ihr Auto zerstört vor, andere wurden verprügelt. Noch 2002 attackierte der ehemalige Premierminister Vladimír Mečiar einen Journalisten physisch, weil ihm dessen Fragen nach dem Ursprung seines Eigentums nicht gefielen. Aber Mord an Journalisten war selbst damals stets tabu.

ZEIT ONLINE: Wurde es mit dem EU-Beitritt 2004 besser?

Lacko: In den Jahren vor und nach dem EU-Beitritt zivilisierte sich der Umgang der Politik und der Gesellschaft mit Journalisten etwas. Man musste zwar mit Diffamierung, mit Strafanzeigen und auch Zivilklagen rechnen und oft drohten auch unverhältnismäßig hohe Geldstrafen, aber Gewalt war kein Standard mehr. Ich möchte behaupten, dass das auch heute noch so ist.

ZEIT ONLINE: Die Journalisten in der Slowakei konnten bislang also weitgehend frei und unabhängig arbeiten, ohne Schlimmeres fürchten zu müssen?

Lacko: Was wir in jüngster Zeit beobachten, ist ein Wandel: Es gibt hier viele Medien, die zum Teil in den Händen ausländischer Eigentümer waren. Langsam wurden diese von slowakischen Unternehmern übernommen und sicherlich gibt es über den einen oder anderen Kontroverses zu berichten. Dennoch würde ich sagen, dass die Presse weitgehend frei ist. Insbesondere, wenn man die Situation in der Slowakei mit unseren EU-Nachbarländern vergleicht.

In den vergangenen Jahren haben wir in der Slowakei aber etwas beobachtet, was ich die Verrohung der Verhältnisse nennen würde. Diese ging von den höchsten Etagen der Politik aus: Premierminister Robert Fico bezeichnete im September 2016 einige Journalisten als schmutzige, antislowakische Prostituierte. Von dieser Verrohung war auch Ján Kuciak betroffen: Der Unternehmer Marián Kočner, der in der Slowakei seit vielen Jahren als Beispiel für Verbindungen zwischen Politik und zwielichtigen Geschäftsleuten gilt, hatte Kuciak gedroht, sämtliche Schmutzberichte über ihn und seine Familie zu veröffentlichen. Als Innenminister Robert Kaliňák darauf angesprochen wurde, spielte er den Fall herunter und attackierte stattdessen die Journalisten.

ZEIT ONLINE: Wird der Mord an Ján Kuciak Ihre Arbeit in einer Nichtregierungsorganisation verändern?

Lacko: Der Fall hat eine Grenze überschritten und er wird Einfluss auf jeden und jede haben, der oder die Missstände aufdeckt oder die Arbeit der staatlichen Organe kritisiert. Seien das Journalisten oder Nichtregierungsorganisationen. Ich glaube zwar nicht, dass sich Journalisten jetzt zweimal überlegen werden, ob und was sie veröffentlichen. Aber jeder wird im Hinterkopf haben, dass es diese Morde gab, dass diese Gefahr bestehen könnte.

ZEIT ONLINE: Neben den Leichen von Kuciak und seiner Verlobten wurden Medienberichten zufolge Patronenhülsen gefunden. Es hieß, das könne als Drohung gewertet werden an jene, die mit Kuciak zusammengearbeitet hatten. Ist Ihnen als Mitarbeiter einer NGO schon einmal Ähnliches untergekommen?

Lacko: Über den Tatort und die dort gefundenen Patronenhülsen gab es sehr viele unterschiedliche Spekulationen. Zuletzt hieß es, dort hätten zwar Patronen gelegen, doch die Polizei werte das nicht unbedingt als Botschaft an Kuciaks Umfeld. Die Patronen könnten zum Beispiel vom Durchladen der Waffe stammen. Da wäre ich also vorsichtig. Und noch mal: Mord war bislang unvorstellbar. Meine Kollegen und ich, wir haben uns noch nie bedroht gefühlt.

ZEIT ONLINE: In Kuciaks Recherchen ging es um mutmaßliche Verbindungen zwischen Mitarbeitern der slowakischen Regierung und der italienischen Mafia, es ging um Korruption und Verschwendung von EU-Mitteln. Auch Kulturminister Marek Maďarič hat solche Machenschaften schon länger beklagt – und ist nach dem Mord an Kuciak zurückgetreten. Ein wichtiges Signal?

Lacko: Meiner Meinung nach sollten sich nach dem Mord ganz andere Leute Gedanken darüber machen, ob sie ihre Pflichten hinreichend erfüllt haben: Kuciaks Recherchen zeigen direkten Kontakt aus dem Umfeld des Premierministers Robert Fico zu einem kontroversen Italiener, dem wiederum nachgesagt wird, Kontakte zur italienischen Mafia gehabt zu haben. Schon beim geringsten Verdacht sollte solchen Leuten der Zutritt ins Regierungsamt verwehrt werden. Sie müssen nicht unbedingt selber absichtlich etwas Unethisches gemacht haben. Es reicht doch schon aus, dass der Premierminister wegen fragwürdiger Verbindungen seiner Mitarbeiter erpressbar sein könnte.

Wenn Kuciak und andere Journalisten solche Verbindungen aus öffentlichen Quellen aufdecken konnten, was haben dann unser Geheimdienst und das zuständige Amt für Sicherheitsüberprüfungen gemacht? Wie konnten sie zulassen, dass solche Personen sich im Umfeld des Premierministers bewegen konnten?