Die slowakische Polizei hat alle Verdächtigen wieder freigelassen, die sie im Zusammenhang mit dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten festgenommen hatte. Die sieben Männer seien nach einer Überprüfung gemäß den gesetzlichen Vorgaben binnen 24 Stunden aus der Untersuchungshaft entlassen worden, teilte die Polizei mit.

Slowakischen Medienberichten zufolge handelte es sich bei den Festgenommenen um den italienischen Geschäftsmann Antonino Vadala und mehrere Mitglieder seiner Familie. Der 27-jährige Kuciak verdächtigte sie, Beziehungen zur italienischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta zu unterhalten.

Kuciak hatte die Namen der Verdächtigen in seinem investigativen Artikel genannt: Seine letzte Reportage sollte anscheinend ein kompliziertes Mafianetzwerk offenlegen, die Verbindungen reichten dabei bis in höchste slowakische Regierungsstellen. Den unvollendeten Text veröffentlichten slowakische Medien in Zusammenarbeit mit dem Portal Aktuality.sk und inzwischen auch die Welt in deutscher Übersetzung.

Die Ermordung des Journalisten und seiner Lebensgefährtin hatte Sorgen über die Wahrung der Pressefreiheit in EU-Staaten ausgelöst. Am Freitag gingen Zehntausende Slowaken auf die Straßen, um den Opfern zu gedenken und gegen Korruption zu demonstrieren. Hunderte Demonstranten belagerten dabei den slowakischen Regierungssitz in Bratislava und forderten den Rücktritt von Innenminister Robert Kaliňák und Regierungschef Robert Fico.

Kaliňák wurde bereits in der Vergangenheit mit Korruptionsskandalen in Zusammenhang gebracht – am Samstag lehnte er die Rücktrittsforderung öffentlich ab. Fico warf der Opposition vor, den Mord an Kuciak zu instrumentalisieren, um Proteste zu schüren und in Bratislava an die Macht zu gelangen.

Das Europaparlament werde kommende Woche voraussichtlich eine Delegation in die Slowakei schicken, um den Fall zu untersuchen, sagte die deutsche Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU). Die Partei Most Híd, die zu Ficos Drei-Parteien-Koalition gehört, kündigte derweil an, am 12. März über ein Ende der Zusammenarbeit zu beraten. Most Híd hatte wegen des Mordes an Kuciak den Rücktritt von Innenminister Robert Kaliňák gefordert. Weil dieser sich weigerte, stellt die Partei nun die Koalition mit Ficos sozialdemokratischer Partei Smer-SD infrage.

Kuciak in der Slowakei beigesetzt

Hunderte Menschen haben am Samstag an Kuciaks Beerdigung im nordslowakischen Štiavnik teilgenommen. "Wenn der Mörder Ján zum Schweigen bringen wollte, hat er das Gegenteil erreicht", sagte Erzbischof Stanislav Zvolenský beim Trauergottesdienst. Dank Kuciaks Recherchen wolle nun jeder in der Slowakei mehr über den Einfluss der italienischen Mafia wissen.

Kuciak und seine Freundin waren am Wochenende erschossen aufgefunden worden. Sollten seine Recherchen stimmen, wäre es vier italienischen Familien gelungen, Geld aus staatlichen und EU-Förderungen abzuzweigen. Zur Absicherung ihrer Geschäfte schleusten sie demnach Verbindungsleute bei Politikern der sozialdemokratischen Regierungspartei ein sowie direkt in das Büro von Regierungschef Robert Fico. Damit hätten sie Zugang zu Staatsgeheimnissen bekommen.

Am Mittwoch trat der slowakische Kulturminister Marek Maďarič wegen des Falles zurück. Schon länger hatte er mögliche Verbindungen zwischen Kriminellen und der Politik angeprangert und den Rücktritt des Innenministers Robert Kaliňák gefordert. Nun sagte Maďarič: "Ich kann es als Kulturminister nicht hinnehmen, dass ein Journalist in meiner Amtszeit ermordet wird."