Die Nachmittagssonne überstrahlt in Berlin-Neukölln die Kälte des späten Winters. Unter den Menschen, die über den Parkplatz dem Eingang des Clubs Huxleys Neue Welt zustreben, ist auch Ardnah. Die Kurdin hat ihren schlanken Körper in eine schwarze Daunenjacke gewickelt und ein schwarzes Tuch um ihren Kopf. Draußen raucht Ardnah eine Zigarette, neben ihr steht ihre sieben Jahre alte Tochter Evin. Evin bedeutet Liebe auf Kurdisch. Die beiden sind vor zweieinhalb Jahren aus Hassaka in Syrien nach Berlin geflohen, vor dem Krieg.  

Es ist Newroz, das kurdische Neujahrsfest. Doch die 700 Menschen, die zur wichtigsten kurdischen Feier des Jahres hier ins Huxleys gekommen sind, wirken tieftraurig. Newroz, das bedeutet so viel wie "neuer Tag". Doch heute ist für Ardnah und die anderen vor allem ein schlimmer Tag: Eben hat der Präsident der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, verkündet, dass seine Armee die von Kurden bewohnte Stadt Afrin in Nordsyrien erobert hat. Operation Olivenzweig heißt die Militäroperation, die die Türkei dort vor zwei Monaten begann.

Evins Vater und zwei Geschwister sind noch in Syrien. "Das ist unser Schicksal als Kurden", sagt ihre Mutter Ardnah. "Hamduillah, eines Tages werden wir frei sein." Das neue Jahr beginne für sie mit Lachen und Weinen zugleich. Heute hat sie Tränen in beiden Augen. Ardnah blickt zur Seite und zündet sich die nächste Zigarette an. "Es sind unsere Kinder, unsere Frauen, die in Afrin getötet werden." Sie spricht von Trauer und Wut.

Es gab Hoffnung

Trauer und Wut sind die beiden Gefühle, die kurdische Lieder, Gedichte und Gespräche seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten prägen. Und besonders in den vergangenen Monaten und jetzt auch hier, in der mit 700 Besuchern gut gefüllten Halle des Huxleys. 2014 hatte es noch Hoffnung gegeben, als die kurdischen Milizen der YPG in der Stadt Kobane in Syrien erfolgreich gegen die IS-Terrorgruppe kämpften. Europa und die USA unterstützten sie damals aus der Luft. Es wurde gefeiert, als das deutsche Verteidigungsministerium sich für Waffenlieferungen an die Peschmerga im Irak entschied.

Es gab Hoffnung, als ein Jahr später die prokurdische Partei HDP ins türkische Parlament gewählt wurde. Heute fühlen sich hier viele so, als hätte es diese Hoffnung nie gegeben. Seit 2017 dürfen Privatpersonen die YPG-Flagge in Deutschland nicht mehr öffentlich zeigen – die Miliz steht ideologisch der PKK nahe, die als Terrororganisation in Deutschland verboten ist. Wegen dieser ideologischen Nähe wurde die deutschlandweit größte Newroz-Feier in Hannover von der Polizei untersagt, organisiert vom Dachverband kurdischer Organisationen, Nav-Dem. Am Ende fand die Kundgebung mit etwa 11.000 Menschen doch statt, trotz Verbot.

Die Veranstalter der Newroz-Feier in Berlin-Neukölln mussten sich weniger Sorgen um ein Verbot machen. Der Verband Komkar ist zwar auch eine kurdische Organisation. Aber eine, die sich der kurdischen Regierung im Nordirak verbunden sieht. Zu der haben die Türkei und auch Deutschland gute Beziehungen.

Ein Flaschenöffner, der besser kurdisch spricht

Doch ausgelassen feiert und tanzt hier heute niemand. Es gibt Stände mit Tee und riesige Platten mit kurdischen Speisen, Reis, Fleisch und Teigrollen. Daneben steht eine kleine Spendenbox für Afrin. Direkt hinter dem Eingang ist ein Bücherstand aufgebaut, neben vielen kurdischen Titeln gibt es dort die kurdische Übersetzung von Wilhelm Tell. Daneben liegen handgemachter Schmuck, Kurdistan-Flaggen und Karten, die beim Aufklappen Happy Birthday auf Kurdisch singen. "Was ist das denn?", fragt Flito Avnioglu den Mann hinter dem Stand und zeigt auf einen roten Flaschenöffner. Der Mann drückt nicht ganz ohne Stolz auf einen Knopf und der Flaschenöffner tönt in kurdischer Sprache los.

"Der Flaschenöffner kann besser Kurdisch als manche Kurden", sagt Flito später. Er ist 17 Jahre alt, der Sohn eines Kurden und einer Deutschen. Er spielt auf die dürftigen Sprachkenntnisse vieler türkischstämmiger Kurden an – ein Produkt der jahrzehntelangen Unterdrückung der kurdischen Sprache. Flito trägt eine Kurdistan-Halskette und sein dunkles Haar akkurat nach hinten, geföhnt über eine exakt anrasierte Kante. Über kurdische Politik informiere er sich über seinen Vater, über kurdische Rapper und das Internet. "Also ich guck mir viele Sachen an und les auch mal was durch – ich steh komplett zu der kurdischen Seite und teile da auch viel auf Facebook." Es gehe nicht, "was die Türkei da gerade in Afrin abzieht". Er wolle verstehen, "warum die Kurden keine Menschenrechte haben". Bei der PKK ist er vorsichtig. Er sehe sich auch PKK-freundliche Inhalte an, sagt er. "Aber das ist ja so kritisch, weil das ja so eine Organisation ist, die in vielen Ländern leider verboten ist."