Heute werden sie wieder kommen. Sie werden aus den Bussen und Autos steigen und in den Ortskern von Kandel laufen. An den vielen kleinen Fachwerkhäusern vorbei, an den Restaurants und an der spätgotischen rot-weißen Sankt Georgskirche. Sie werden Plakate tragen, auf denen "Multikultiwahn" steht und sie werden rufen: "Kandel ist überall!" Von den Kandelern wird fast niemand dabei sein. Einige werden wohlwollend am Rand stehen. Aber mehr Kandeler werden die Gardinen zuziehen. Oder in den Wald gehen. So war es bisher immer: Wenn die Flüchtlingsgegner nach Kandel kommen, geht Kandel auf Distanz.

Seitdem im Dezember 2017 ein 15-jähriges Mädchen von ihrem Exfreund in einem Drogeriemarkt in Kandel erstochen wurde, ist der Ort in der südlichen Pfalz ein anderer. Kurz nach der Tat wurde bekannt, dass der mutmaßliche Täter ein vermeintlich minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan ist. Sofort wurde Kandel bundesweit zu einer weiteren Chiffre für Gewalt durch Flüchtlinge. Es folgten Debatten über Abschiebungen nach Afghanistan und darüber, ob man das Alter von Geflüchteten medizinisch bestimmen sollte. Denn der mutmaßliche Täter in Kandel war offenbar nicht minderjährig, wie er es angegeben hatte.

Dann begannen die Demonstrationen. An vier Tagen liefen sie schon durch Kandel, oft gleich mehrere Gruppen parallel. Die Zahl der Teilnehmer stieg und stieg. Für die Rechten bietet sich durch die Tat in Kandel die Gelegenheit, ihre Positionen endlich nach Westdeutschland zu tragen. Sie wollen in Kandel Fuß fassen, wie es ihnen in vielen ostdeutschen Städten längst gelungen ist. Aber will Kandel das auch?

Drohungen gegen den Bürgermeister

Ein paar Tage vor der Demo am Samstag sitzt Volker Poß in seinem Büro im Stadtkern. Vor sich hat der Verbandsbürgermeister von Kandel eine rote Mappe mit Unterlagen. Zögerlich zieht der 57-Jährige ein paar Seiten heraus. "Das sind nur einige E-Mails, die ich bekommen habe", sagt Poß. "Hätte ich alle ausgedruckt, wäre die Mappe voll."

Seit acht Jahren ist Volker Poß Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kandel. Seit einigen Wochen wird er bedroht und beschimpft, weil er nach der Tötung des Mädchens zu Besonnenheit aufrief. © Yvonne Seidel für ZEIT ONLINE

Die E-Mails sind voller Drohungen und Beschimpfungen. Gegen Poß und gegen seine Familie. "Alle Welt weiß, wo du wohnst", steht dort etwa. Oder: "Erst Ihre Kinder abschlachten, dann das Weib und Dich als Strafe weiterleben lassen."

Poß trägt einen Schnurrbart, kurze graue Haare und ein graues Hemd. Er sitzt entspannt in seinem Lederstuhl vor der Mappe mit den Drohungen. Wenn er sie vorliest, versucht er zu lächeln. Es ist ja mittlerweile Alltag für ihn. Mehr als 100 solcher Mails hat er erhalten. Von wem sie sind, weiß er nicht. Aber er weiß, warum er sie bekommen hat. Weil er den Mailschreibern zu weich war in den Tagen nach der Ermordung des Mädchens.

Poß warnte damals davor, den vermeintlichen Täter schon ohne Prozess öffentlich zu verurteilen. Und er warnte davor, alle Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren.

Poß ist für die Unterbringung der Flüchtlinge im Ort zuständig. Er hat eine ehemalige Gaststätte als Treffpunkt angemietet, sie zum Begegnungszentrum aufgebaut. Seitdem wird ihm vorgeworfen, Kandeler Mädchen dort hinzubringen und mit jungen Flüchtlingen zu verkuppeln. "Das ist schon sagenhaft und widerlich", sagt Poß. Bis heute schaut er ungläubig, wenn er das sagt. "Sie nennen mich den Kuppler von Kandel."

Und dann die ständigen Demonstrationen. Anfang März zogen mehr als 4.000 Menschen durch die Stadt, in der gerade einmal 9.000 Menschen leben. Unter den Demonstranten waren Hooligans und Rechtsextreme. Eingeladen hatte unter anderem die AfD-Politikerin Christina Baum. Die wohnt nicht in Kandel, sondern in einem anderen Bundesland, in Baden-Württemberg.