Karl Kardinal Lehmann ist tot. Lehmann war der wohl größte Glücksfall der katholischen Kirche in der letzten Generation. Der emeritierte Bischof von Mainz und langjährige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz starb am Morgen des 11. März, wenige Wochen vor seinen 82. Geburtstag, an den Folgen eines Schlaganfalls, den er im Herbst 2017 erlitten hatte.

Lehmann, der gelehrte, leutselige Kardinal mit seiner behäbigen Sprache, war das Gesicht und die Stimme des Katholizismus in einer Gesellschaft, in der die Religion immer weniger dominiert. Lehmann konnte zuhören, argumentieren – und repräsentierte eine Kirche, die mit der Gesellschaft im Dialog bleibt. Mit ihm war der Katholizismus, der sich gerne abschottet und seinen Machtverlust betrauert, mitten unter den Menschen zu Hause. Lehmann stellte sich hinter Angela Merkels Flüchtlingspolitik, er befürwortete Moscheebauten in Deutschland wie auch die Einrichtung islamischer Abteilungen an Universitäten und plädierte für einen kritischen Dialog mit der AfD. Politiker baten ihn gern um Rat.

Er plädierte für verheiratete Priester und das Amt einer Diakonin

Lehmann sah seine katholische Kirche immer wieder kritisch – obwohl Kritik in einem hierarchischen System wie der katholischen Kirche das selten die Karriere fördert. Als Bischof kämpfte er lange vergeblich gegen die Entscheidung Papst Johannes Pauls II., die deutschen Bischöfe 1999 dazu zu zwingen, aus der Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen. Der Papst wollte das, weil der Beratungsschein eine Abtreibung ermöglichte. Lehmann dagegen wollte die Konflikte an der Seite der Frauen austragen, nicht gegen sie. Auf die Frage, ob die beiden großen Kirchen nur noch noch Spitzfindigkeiten trennen würden, antwortete er einmal: "So denke ich manchmal beinahe selbst." Als der Vatikan 1979 dem papstkritischen Tübinger Theologen Hans Küng die Lehrerlaubnis entzog, sah Lehmann einen "rabenschwarzen Tag für die Theologie und eine Krise für die Kirche". In seinen letzten Jahren plädierte er für Reformen im Blick auf verheiratete Priester und das Amt einer Diakonin. Er bedauerte, dass sich seine Kirche mit der Gleichberechtigung von Frauen so viel Zeit lässt.

Als junger Theologe war Lehmann von den Aufbrüchen des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1965 geprägt worden, das er als Berater des Theologen Karl Rahner erlebte. Auf dem Konzil hatte die Kirche sich zur Religionsfreiheit bekannt und für das Gespräch mit anderen Kirchen und Religionen geöffnet. 1968, als Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., wegen der Studentenunruhen aus Tübingen ins beschaulich-katholische Regensburg entfloh, wurde Lehmann Professor für Dogmatik in Mainz. 1971 ging er nach Freiburg und kehrte 1983 als Bischof nach Mainz zurück. 33 Jahre, bis zu seinem 80. Geburtstag 2016, hatte er das Amt inne. 1987 folgte für 21 Jahre der Vorsitz in der Deutschen Bischofskonferenz, ein Amt mit wenig Befugnis, aber viel öffentlicher Wirkung. Entschieden, aber ohne Eifer und mit abnehmendem Erfolg kämpfte er gegen jene Bischöfe, die – mit wachsender Unterstützung aus dem Vatikan – die Öffnung des Konzils wieder eindämmen wollten.

Eine Entweltlichung der Kirche wollte er nicht

Standhaft ertrug er, dass 14 Jahre an der Spitze der Bischofskonferenz vergingen, bis Johannes Paul II. ihn 2001 zum Kardinal ernannte. 2003 gestaltete er den ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin mit. Als der Vatikan verlangte, die Bibelübersetzungen zu genehmigen, stieg die evangelische Kirche 2005 aus der gemeinsamen "Einheitsübersetzung" aus. Das traf Lehmann. Trotzdem hielt er an der Ökumene fest, auch als die Beziehungen zur evangelischen Kirche mit dem Amtsantritt von Papst Benedikt ebenfalls 2005 litten. Mit dem damaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, überbrückte er lange die wachsenden Differenzen. Und ebenfalls 2005 stieg er im Hirtenoutfit in den Narrenkäfig des Aachener Karnevals, um als erster Bischof den Orden wider den tierischen Ernst entgegenzunehmen. Eine "Entweltlichung", die Benedikt der deutschen Kirche empfahl, wollte Lehmann nicht.

In den letzten Jahren wurde es ruhiger um den Mainzer Bischof. Sichtlich genoss er seine ungebrochene Beliebtheit bei den Menschen in seinem Bistum und darüber hinaus. 2016, im Jahr seines Abschieds als Bischof, erhielt er als erster Katholik die Martin-Luther-Medaille der evangelischen Kirche. Schon von Krankheit gezeichnet, nahm er sie sichtlich gerührt entgegen.