Während in Iran Frauen ihr Kopftuch als Zeichen ihrer feministischen Befreiung ablegen, setzten es manche muslimische Mädchen und Frauen in Deutschland auf – als Zeichen ihrer Selbstbestimmung. Doch oft sendet das Tuch noch sehr widersprüchliche Botschaften.

Zu meiner Schulzeit waren Mädchen mit Tuch in der Minderheit, selbst an Schulen mit hohem Anteil von Migrantinnen und Migranten. Wenn eine eines trug, hielt ich es für ein Zeichen einer religiös-devoten Persönlichkeit. Wer sich damals dafür entschied, tat dies ähnlich einer Nonne, die sich aus dem Weltlichen zurückzieht. Heute als Lehrer erlebe ich viele Schülerinnen mit Kopftuch, die sich modisch anziehen und sogar einen festen Freund haben. Sie verheimlichen das nicht, weder zu Hause noch in der Schule. Das Tuch passt zum Lippenstift und zur Handtasche. Sie kombinieren es mit Jogginganzug, Partyoutfit oder langen, weiten Gewändern. Heute ist es immer seltener eine Nachricht an die Männer: Ich bin sexuell nicht verfügbar. Es ist nicht einmal unbedingt ein Zeichen für religiöse Frömmigkeit. Das irritiert – und soll es wohl auch.

Die Entwicklung des Kopftuchs zu einem weltlichen Kleidungsstück ist aber nicht abgeschlossen. Es bleibt auch in Deutschland ein widersprüchliches Zeichen und hat seine patriarchale Bedeutung nicht verloren.

Schutz und Zielscheibe

So beginnt die Kopftuchgeschichte einer meiner Schülerinnen mit einem MeToo-Moment. Ein Mitschüler bedrängte sie als sie zwölf war. Er sah in ihrem Nein eine Herausforderung. Sie wollte in Ruhe gelassen werden, hatte aber daheim gelernt, dass gute Mädchen zurückhaltend und angepasst sind. Also setzte sie ein Kopftuch auf. Sie nutzte das Symbol einer 1.500 Jahre alten Religion als Ausrufezeichen, damit er sie ernst nahm – und es funktionierte. Die Nachstellungen hörten schlagartig auf. Aber nur, weil auch der Junge verinnerlicht hatte, dass Frauen mit Kopftuch unantastbar sind. Dass nicht jeder diesen Code akzeptiert, lernte sie später.

Als immer mehr geflüchtete junge Männer aus islamisch geprägten Ländern nach Deutschland kamen, wirkte das Tuch nämlich gar nicht mehr abschreckend – ganz im Gegenteil. Einige dieser jungen Männer erinnert das Tuch an ihre Heimat, in der man Frauen oft ungestraft anmachen darf. Verbale und körperliche Belästigungen gehören dort oft zum Alltag der Frauen. Das Tuch vermittelte in diesem Fall nicht Unnahbarkeit, sondern machte Besitzansprüche erst möglich. Dass "gute Kleidung" Frauen schützen kann, stellte sich nun als Mythos heraus. Denn nicht die Kleidung schützt eine Frau, sondern der Respekt, den die Gesellschaft ihr entgegen bringt.

Kurz vor dem Abitur setzte meine Schülerin das Kopftuch wieder ab. Die Mehrheit der muslimischen Mitschüler akzeptierte ihre Veränderung zwar fast kommentarlos, aber einige nannten sie eine Verräterin am Islam. Lob kam hingegen von den Lehrern. Sie gratulierten ihr für ihren Mut zur Befreiung und Selbstbestimmung. Dabei hatte sie sich nie unfrei gefühlt und realisierte erst jetzt, wie sie zuvor wahrgenommen worden war. Sie hatte geglaubt, dass eine Entscheidung für oder gegen das Tuch sehr persönlich sei, musste nun lernen, dass sie von beiden Seiten vereinnahmt worden war. Setzte sie das Tuch ab, verriet sie die muslimische Sache, setzte sie es auf, die westlichen Werte.

Heute vermisst sie das Tuch. Sie würde es gerne wieder aufsetzen, weil sie sich darunter wohl gefühlt hatte. Das Kopftuch ist ein Zeichen ihrer Religionszugehörigkeit, ein Teil ihrer Identität und eine selbstgesetzte Grenze ihrer Intimität – und kein Signal an übergriffige Männer mehr.