Beim Anschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und seine Tochter Julija könnten der britischen Regierungschefin Theresa May zufolge mehr als 130 Menschen dem verwendeten Nervengift ausgesetzt worden sein. Das sagte May im Parlament in London. Zugleich teilte sie mit, britische Behörden hätten Informationen, wonach Russland in den vergangenen zehn Jahren Forschungen zum Einsatz von Nervengiften anstellte. Wahrscheinlich sei es dabei um Tötungen gegangen.

Die britische Regierung macht Russland für den Angriff auf Skripal und seine Tochter verantwortlich. Die Regierung in Moskau weist dies zurück. Wegen der Attacke im südenglischen Salisbury wiesen zahlreiche westliche Länder am Montag russische Diplomaten aus, darunter Deutschland, Frankreich, die USA und die Ukraine. Am Dienstag wies auch Australien zwei Geheimdienstmitarbeiter aus Russland aus. Sie müssten das Land binnen sieben Tagen verlassen, gab Premierminister Malcolm Turnbull bekannt. Auch er verurteilte die Attacke scharf. Es handele sich dabei um "den ersten offensiven Einsatz von Chemiewaffen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg", sagte Turnbull.

Die isländische Regierung kündigte an, dass führende isländische Politiker aus Solidarität mit Großbritannien nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Russland reisen werden. Außerdem seien alle hochrangigen bilateralen Gespräche mit Russland verschoben worden. Island weist jedoch keine russischen Diplomaten aus.

Skripal und seine Tochter waren am 4. März auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum aufgefunden worden. Sie befinden sich seitdem im Krankenhaus, ihr Zustand ist weiter kritisch. Laut May könnten die beiden bleibende Schäden davontragen. Es sei "unwahrscheinlich, dass sich an deren Zustand in naher Zukunft etwas ändern wird, und es kann sein, dass sie sich nie vollständig erholen", sagte May vor Abgeordneten. Ein Polizist, der während seines Einsatzes mit dem Nervengift in Kontakt gekommen war, wurde vor wenigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Zahlreiche weitere Personen kamen vorsichtshalber in die Klinik, waren aber gesund.

Dekontamination soll diese Woche beginnen

In Salisbury ermitteln nicht nur die britischen Behörden, sondern auch unabhängige Expertinnen und Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Noch in dieser Woche soll mit der Dekontamination einiger Gebäude begonnen werden. Davon sind auch das Restaurant und der Pub betroffen, in dem sich Skripal mit seiner Tochter am Tag des Attentats aufgehalten hatten, berichtete der Fernsehsender Sky News. Es handelt sich nach Angaben der Polizei um eine Vorsichtsmaßnahme; die Öffentlichkeit sei nicht in Gefahr. Die Bank, auf der Vater und Tochter bewusstlos aufgefunden wurden, wurde bereits abgebaut.

Der Anschlag wurde nach britischen Angaben mit dem Gift Nowitschok verübt, das einst in der Sowjetunion produziert worden war. Die britische Regierung macht daher Russland für das Attentat verantwortlich. Russland indes bezeichnet die Vorwürfe Großbritanniens als haltlos. Die westlichen Verbündeten der Londoner Regierung folgten "blind dem Grundsatz der euroatlantischen Einheit entgegen dem gesunden Menschenverstand", teilte das russische Außenministerium mit.