Der Toxikologe Gerold Kauert hat eine Selbsttötung des in Polizeigewahrsam verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh ausgeschlossen. Hätte sich Jalloh bewusst selbst verbrannt, wäre der Verbrennungsprozess eine extreme Stresssituation gewesen, sagte Kauert dem MDR. In Jallohs Urin seien aber "keine Zeichen einer tödlichen Stresseinwirkung nachweisbar" gewesen.

Der aus Sierra Leone stammende Oury Jalloh war 2005 gefesselt in einer Zelle des Polizeireviers Dessau verbrannt. Bis heute ist unklar, ob sich der damals 37-Jährige selbst tötete oder von einem Polizisten umgebracht wurde. Noch immer läuft ein Disziplinarverfahren gegen einen Dessauer Polizisten. Es soll in diesem Jahr abgeschlossen werden. Kauert war Verfahrensgutachter in dem Fall.  

"Er war bei Ausbruch des Feuers höchstwahrscheinlich noch nicht tot, aber möglicherweise ohne Bewusstsein", sagte der Frankfurter Experte dem MDR. Ebenso möglich sei, dass Jalloh zu dem Zeitpunkt bereits "im Sterbevorgang" war. In dem Fall sei "eine traumatische Einwirkung vor dem Tod" möglich.

Binnen einer Minute gestorben

Von einer Vertuschungstat ging zuletzt auch der Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann aus. Das Verfahren wurde ihm jedoch entzogen. Später wurde auch bekannt, dass Akten zu früheren ungeklärten Todesfällen vernichtet wurden.

Toxikologe Kauert ist überzeugt, dass Jalloh nach Ausbruch des Feuers nur noch kurze Zeit überlebt habe. In Jallohs Leichnam habe man keine bei Verbrennung typischen giftigen Brandgase wie Kohlenmonoxid oder Blausäure nachweisen können. Womöglich sei er "im Bereich von einer Minute" gestorben – also noch bevor die Brandgase in seinen Körper gelangen konnten, sagte Kauert. "Damit stehen auch die Aussagen von Zeugen infrage, wonach Oury Jalloh noch nach Ausbruch des Feuers über die Gegensprechanlage mit der Leitstelle des Reviers kommuniziert haben soll."

Auf die Nachfrage, ob das Gericht seine Untersuchungen nicht verstanden habe, antwortete Kauert: "Ich denke, dass das Gericht bei meiner mündlichen Gutachtenerstattung natürlich nicht die Grundlage dieser ganzen Stoffwechselsituation erkannt hat." In der Kürze der Zeit seien seine Ausführungen zur Stressphysiologie vielleicht nicht nachvollziehbar gewesen.

Nicht selbst angezündet

Kauert kritisierte auch den Umgang mit den Sachverständigen. Seine Forderung nach einem Runden Tisch mit Experten, die den Feuertod rekonstruieren sollten, sei nicht umgesetzt worden. Ein später dennoch durchgeführter Brandversuch habe ihn in seiner Schlussfolgerung bestätigt, dass Jalloh sich nicht selbst angezündet habe. Er habe die Einstellung des Verfahrens daher persönlich als überraschend empfunden, sagte Kauert, "weil wir alle der Meinung waren, dass die Selbsttötung eben weniger in Betracht kommt als ein anderer Tatablauf".

Gerold Kauert war als Professor an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main aktiv, bis er 2009 in den vorzeitigen Ruhestand ging. An der Hochschule hatte er die Abteilung Forensische Toxikologie im Zentrum für Rechtsmedizin geleitet.