Nun hat auch Niedersachsen beschlossen, eine Hülle für den Schwerbehindertenausweis herzustellen, auf der "Schwer-in-Ordnung-Ausweis" steht. Diverse andere Bundesländer haben es vorgemacht. Die Idee dazu hatte die 14-jährige Hannah Kiesbye aus Pinneberg, die sich in einem Gedicht ausmalte, wie es wäre, mit einem Schwer-in-Ordnung-Ausweis an der Bushaltestelle zu stehen statt mit einem Schwerbehindertenausweis.

Das sei doch rührend, schrieben Journalisten. Viele Menschen freuten sich, dass das Mädchen mit Down-Syndrom von der Politik gehört wurde. Vor allem Eltern behinderter Kinder beklatschten den Vorstoß. Ich verstehe das durchaus. Sie bekommen oft das Gefühl vermittelt, das eigene Kind sei nicht in Ordnung so, wie es ist. Sie sind froh, wenn ihnen der Staat einmal offiziell bescheinigt, es sei doch okay.

Außerdem hat Hannah Kiesbye natürlich völlig recht, wenn sie den Namen des Schwerbehindertenausweises kritisiert. Kein anderes Land heftet behinderten Menschen so viele negative Etiketten an wie Deutschland und stellt ihnen dazu auch noch gleich den passenden Ausweis aus.

Aber brauchen behinderte Menschen wirklich eine Ausweishülle, um bestätigt zu bekommen, dass sie "schwer in Ordnung" sind? Diese Maßnahme kann man zwar prima in den Jahresberichten der Landesbehindertenbeauftragten unterbringen und sich über die gute Presse freuen. Aber es ist reine Symbolpolitik.

Zudem ist die Bezeichnung "Schwerbehindertenausweis" nicht einmal das Schlimmste. Die Merkzeichen, die der Ausweis auflistet, sind richtig übel. Die Beschreibung meiner Behinderung ist eigentlich ganz einfach: Ich kann nicht gehen. Ich nutze einen Rollstuhl, und zwar immer. Aber dafür hat das deutsche Sozialgesetzbuch nicht weniger als vier Merkzeichen vorgesehen. Das Integrationsamt hat sie mir schon früh verliehen, unter anderem ein aG (außerordentliche Gehbehinderung). Einen Grad der Behinderung gibt es noch obendrauf: 100 Grad – mehr geht nicht.

H steht für hilflos

Vor allem das Merkzeichen H für hilflos macht die Kultur des deutschen Wohlfahrtswesens deutlich. Kein anderes Land in Europa bescheinigt den Menschen derart viele Defizite wie Deutschland. Statt diese aufzuzählen, könnte man einfach Leistungen definieren, die einem Menschen zustehen. Ich möchte nicht erst als hilflos stigmatisiert werden, damit ich einen erhöhten Steuerfreibetrag zugewiesen bekomme.

Völlig absurd wird der Ausweis dann, wenn er dazu benutzt wird, Rechte zu verwehren statt zu gewähren. Es gab diverse Fälle in den vergangenen Jahren, in denen behinderten Menschen, die alleine in Schwimmbäder oder zu Kulturveranstaltungen wollten, der Zugang verweigert wurde, weil in ihrem Ausweis ein B für Begleitperson stand. Dass sie ein Recht haben, eine Begleitperson mitzunehmen und keine Pflicht, war dem Personal nicht begreiflich zu machen.

Warum braucht man den Ausweis überhaupt? Wie schaffen es andere europäische Staaten, zum Teil sehr ähnliche Nachteilsausgleiche zu gewähren – ganz ohne Ausweis? Die Antwort ist einfach: mit weniger Bürokratie und einem besseren Verständnis dafür, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben.

So geben sie Menschen mit Behinderungen, die auf barrierefreien Nahverkehr angewiesen sind, eine kostenlose Jahreskarte, die dann auch von anderen Verkehrsverbunden akzeptiert wird. In Deutschland brauchen die Menschen für die kostenfreie Nutzung des Nahverkehrs eine Wertmarke zusätzlich zum Schwerbehindertenausweis. Warum gibt man ihnen also nicht gleich die Fahrkarten zum ermäßigten Preis oder kostenlos? Dann bräuchte man weder einen Schwerbehindertenausweis noch eine Schwer-in-Ordnung-Hülle. Parkausweise für Behindertenparkplätze gibt es natürlich auch im Ausland. Wer den Bescheid zur Feststellung der Behinderung vorzeigt, bekommt einen. Wer Kindergeld erhält, muss sich ja auch nicht zuerst einen Elternausweis ausstellen lassen.