Wie gehen wir Menschen damit um, dass wir alle sterben müssen? Wir wollen in der Serie "Der Tod ist groß" den Tod enttabuisieren und fragen nach seiner Rolle in unseren Leben und in unserer Gesellschaft.

Fünf Autominuten vom Hauptbahnhof Halle entfernt, an einer viel befahrenen Hauptstraße, hat der Tod ein PR-Büro. Ein eingeschossiger, spitz zulaufender Backsteinbau, an der Ecke eines großen Mehrfamilienhauses. "Der tote Winkel" steht auf den großen Schaufenstern. Das kleine Büro ist mittendrin, aber gehört doch nicht ganz dazu. Passender könnte ein Ort nicht liegen, der sich mit der Rolle des Todes in unserer Gesellschaft beschäftigt.

Der Raum drinnen ist minimalistisch. Ein großer Schreibtisch, davor eine kleine Sitzgruppe, an der Wand ein niedriges, weißes Regal. Juliane Uhl zieht Bücher heraus: Im Reich der Toten, Patient ohne Verfügung, Darf ich meine Oma selbst verbrennen? Eine Bibliothek des Sterbens. Auf dem Regal steht eine goldene Trophäe: eine Skeletthand, die ein Mikrofon umklammert. "Die haben wir für den Death Slam anfertigen lassen", sagt Uhl.

Die junge Frau mit den kurzen Haaren macht Werbung für den Tod. "Klingt schräg, ich weiß", sagt sie und lacht, aber mit dem Tod ist es ihr ernst. Uhl macht Öffentlichkeitsarbeit für das Hallenser Krematorium und organisiert Veranstaltungen, die über Tod und Sterben aufklären sollen. Im September ist wieder Death Slam, ein Poetry-Slam mit Texten über den Tod, beim letzten Mal kamen fast 200 Zuschauer. Im April moderiert sie ein Symposium an der Universität Halle mit dem Titel Der tote Körper. Und sie ist verantwortliche Redakteurin von Drunter und Drüber, einem "Magazin für Endlichkeitskultur", das zweimal jährlich erscheint. Uhl ist Mitte 30, hat zwei kleine Töchter, lebt in einem Haus am Hallenser Stadtrand und beschäftigt sich seit acht Jahren hauptberuflich mit dem Sterben. "Ich möchte den Tod zurück ins Leben bringen", sagt sie.

Juliane Uhl vor einer neuen Grabanlage auf dem Friedhof, der zum Krematorium gehört. Dort können Urnen in nachgebildeten Dünen bestattet werden, es gibt ein Wikingerschiff und einen Steinhügel. © privat

Wir übersehen da etwas!

Damit ist sie nicht allein. Große Medienhäuser bringen Sonderhefte heraus, junge Menschen reden in Podcasts über den Tod, es gibt Friedhöfe mit eigenen Facebook-Accounts und Branchentreffs mit Titeln wie Neue Visionen oder Der Friedhof der Zukunft. Eine größer werdende Gruppe von Menschen ruft immer lauter: Wir übersehen da etwas! Der Tod findet langsam zurück in die Öffentlichkeit.

Junge Großstädter engagieren sich ehrenamtlich als Sterbebegleiter, man kann Urnen und Särge selbst gestalten und Fotos drauf drucken lassen, manche Menschen streamen sogar Beerdigungen auf Facebook. 

Ein Anfang, sagt Uhl. Doch die Mehrheit schaue immer noch weg. Uhl und ihre Mitstreiter wollen einen grundsätzlich anderen Umgang mit den Toten. "Gehen wir ins Krematorium, schauen wir uns das mal an!", sagt Uhl, schließt die Tür des toten Winkels und fährt los.

In Windeln im Sarg

Das Flamarium, so der offizielle Name des zweitgrößten Krematoriums Deutschlands, liegt im Industriegebiet zwischen Halle und Leipzig. Auf die Außenfassade sind gelbe und weiße Wolken gemalt, fast einladend. Das Unternehmen will offen sein und transparent. "Macht keine Angst, oder?", fragt Uhl. Bis zu 60 Menschen werden hier am Tag eingeäschert – kremiert heißt es in der Fachsprache.  

In der Kühlhalle beugt sich die Rechtsmedizinerin Verena Hartmann über einen geöffneten Sarg. Sie prüft während der zweiten Leichenschau, ob die auf dem Totenschein angegebene Todesursache schlüssig ist. Das soll verhindern, dass Tötungsdelikte vertuscht werden. Erst wenn sie die Leiche freigibt, darf diese verbrannt werden.

Wir müssen uns wieder besser um unsere Toten kümmern.
Juliane Uhl

Vor Hartmann liegt ein alter Mann, gekämmt, gepflegt, in Hemd und Weste. Sie muss die Kleidung wieder öffnen, prüft Gesicht und Körper noch einmal. Alles in Ordnung. Unter dem nächsten Deckel liegt wieder ein Mann, ähnliches Alter. Er trägt nichts außer einer Windel, in der Haut am Handgelenk steckt noch eine Kanüle. 

"Das sind die Toten, die direkt aus den Krankenhäusern kommen", sagt Uhl. Deren Angehörige niemanden engagieren, um sie zurechtzumachen. Weil sie es nicht für nötig halten oder weil sie kein Geld dafür haben. "Wir müssen uns wieder besser um unsere Toten kümmern."