Heute trägt Berlin Kippa. Zu einer Kundgebung der jüdischen Gemeinde Berlins werden Tausende Menschen erwartet, die aus Solidarität die jüdische Kopfbedeckung tragen. Auch in Erfurt, Potsdam, Magdeburg und Köln werden Menschen gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Sie wollen ein Zeichen setzen und sich an die Seite der Jüdinnen und Juden stellen. Etliche Prominente aus Kultur, Kirche und Politik haben sich angemeldet. So weit, so lobenswert.

Morgen aber, morgen wird es für Jüdinnen und Juden schon wieder gefährlich sein, sich öffentlich als solche zu erkennen zu geben. Das sagt auch Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland: Das trotzige Bekenntnis sei im Prinzip der richtige Weg. "Trotzdem würde ich Einzelpersonen tatsächlich davon abraten müssen, sich offen mit einer Kippa im großstädtischen Milieu in Deutschland zu zeigen."

Es wird aktuell wieder viel geredet über Antisemitismus in Deutschland. Künstler geben ihren Echo zurück, weil auch Antisemiten einen bekommen haben (der Preis hat das nicht überlebt), Tausende teilen das Video eines jungen Mannes mit Kippa, der im Prenzlauer Berg mit einem Gürtel geschlagen wird, weil der Angreifer ihn für einen Juden gehalten und deshalb mitverantwortlich gemacht hat für die israelische Besatzung des Westjordanlandes. Einen Preis zurückzugeben oder ein Video im Netz zu teilen, ist aber noch keine Solidarität. Auch als Nicht-Jude eine Kippa zu tragen, unter dem Schutz Tausender Kippaträger und einem riesigen Polizeiaufgebot, ist keine Solidarität – wenn es dabei bleibt.

Warum ist "Jude" immer noch ein Schimpfwort?

In einer aufgeklärten Gesellschaft, für die sich Deutschland gern hält, hieße Solidarität, zuerst Fragen zu stellen: Warum sehe ich in Deutschland selten bis nie jemanden mit Kippa? Warum stehen Synagogen und andere jüdische Einrichtungen hier über 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz noch immer unter Polizeischutz? Wie kann "Jude" auf deutschen Schulhöfen noch immer ein Schimpfwort sein?

Solidarität hieße, auf diese Fragen keine schnelle Antworten parat zu haben (schon gar nicht, wenn Sie mit Merkel und Muslimen zu tun haben). Vielmehr würde sie bedeuten, diese Frage denjenigen zu stellen, die sie am ehesten beantworten können: den Betroffenen. Jüdinnen und Juden hilft es nicht, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft durch leere Worthülsen oder auch Empörung betroffen zeigt, ohne überhaupt das Problem ergründet zu haben. Ohne auch nur einen Juden oder eine Jüdin gefragt zu haben, wie es wirklich ist, sich nicht mehr sicher im eigenen Land zu fühlen, in der viel beschworenen jüdisch-christlichen Heimat; wie es ist, ständig von allen Seiten vereinnahmt zu werden, aber keine echte Hilfe zu bekommen. Solidarität hieße, sich nicht nur einmal für eine Demonstration aufzuraffen, sondern ganz. Sie ist eine Lebenseinstellung, kein Event.

Diskriminierung kann man nicht ausprobieren

In den Achtzigern wurde der Journalist Günter Wallraff berühmt, als er sich als türkischer Gastarbeiter ausgab, in verschiedenen Unternehmen anheuerte und darüber das Buch Ganz unten schrieb. Es wurde zum meistverkauften Sachbuch seit 1945 – und zu einem guten Beispiel für falsch verstandene Solidarität: Farbe im Gesicht und Oberlippenbart macht nicht zum Türken, Kippa aufsetzen macht nicht zum Juden. Diskriminierung kann man nicht ausprobieren.

Warum nicht einfach denen zuhören, die tagtäglich Ausgrenzung, Hass und Diskriminierung erleben? Warum nicht ihnen zuhören, ihnen eine Stimme geben, mit ihnen gemeinsam die Gesellschaft befreien von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Homophobie et cetera? Solange die Mehrheitsgesellschaft den diskriminierten Minderheiten ihre Erfahrungen nicht glaubt, nichts als Worte unternimmt, bleibt auch jede Kundgebung dagegen unglaubwürdig.

Die Thora weiß eine passende Geschichte zu erzählen, die aus christlicher Perspektive oft falsch interpretiert wird: die Erzählung von Sodom und Gomorra, den beiden Städten, die Gott unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begräbt, weil sie der Sünde anheimgefallen sind. Die christliche Tradition sieht die Verfehlung dieser Städte gern im Lasterhaften, vor allem dem (Anal-)Sex – daher der Begriff der Sodomie, daher der oft bemühte Vergleich zu Berlin, der Stadt aller Laster, der Clubs, der Drogen, der Prostitution. Doch von all diesen Dingen ist in der Bibel gar nicht die Rede. Die besonders schwere Sünde liegt den jüdischen Quellen zufolge vielmehr in fehlender Gastfreundschaft, im Hochmut und im Geiz. Im Buch des Propheten Ezechiel steht: "Überfluss an Brot und ruhige Sicherheit hatte Sodom, aber Elenden und Armen reichte sie nicht die Hand."

Sodom und Gomorra gingen unter, weil sie nicht solidarisch waren. Aber wer glaubt schon den Juden?