Anna N. raucht eine Zigarette und blickt auf das Haus, in dem sie bis eben noch gewohnt hat. Ein undefinierbarer Gestank hat sich über die Räumungsarbeiten gelegt. Die Bulgarin beobachtet mit zwei anderen Frauen, wie ein Großaufgebot von Polizisten in Schutzanzügen nacheinander den Altbau in der Kameruner Straße betritt. Ladenbesitzer und Nachbarn schlendern über das Kopfsteinpflaster, überrascht ist hier über den Aufruhr niemand. Schließlich ist es das "Horrorhaus" im Berliner Stadtteil Wedding, das an diesem Morgen geräumt wird.

Von außen wirkt es unauffällig, von innen ist es regelrecht verfallen: Fenster sind eingeschlagen und im Hof liegen Berge von Müll und Fäkalien, es gibt Ratten und Ungeziefer. Seit Monaten sollen Strom und Wasser abgestellt sein. Anna ist die einzige der Wartenden, die Deutsch spricht. Seit einigen Wochen lebe sie übergangsweise bei den beiden Frauen; wo sie vorher gewohnt hat, will sie nicht sagen. Vor dem Seiteneingang ist ein kleines Zelt aufgebaut, dort werden die Personalien der Bewohner aufgenommen, alle sind laut Polizei bulgarische Roma. Ein Polizeisprecher sagt, die Beamten seien aufgrund eines Amtshilfeersuchens des Bezirksamtes hier.

Anna und die beiden Frauen suchen am Zelt nach bekannten Gesichtern. Anna sagt, es sei schlimm gewesen, dort zu wohnen. "Es stinkt und wird viel geklaut." Auf die Frage, wie sie es dort aushielten, antwortet sie nur: "Kein Geld und keine Miete." Anna ist eine von knapp 27.500 Bulgaren in Berlin. Durch die EU-Erweiterung kamen in den letzten Jahren immer mehr verfolgte Sinti und Roma nach Deutschland. Sie kommen mit ungewissem Aufenthaltsstatus und kennen sich nicht im deutschen Mietrecht aus. Einige Vermieter nutzen das aus, um Mietverträge zu überhöhten Preisen abzuschließen. Wie auch in der Kameruner Straße. Laut Bezirksstadtrat Ephraim Gothe gab es bis vor gut einem Jahr eine Hausverwaltung, die Wohnungen an mehrere Personen gleichzeitig vermietet hat, ohne eine Genehmigung dafür zu besitzen.

Die Hausverwaltung ist nicht auffindbar

Parallelen gibt es auch zu anderen Städten, in denen "Roma-Häuser" zwangsgeräumt wurden. 2013 wurde in Duisburg ein Mietshaus geräumt. Der Eigentümer besaß drei Objekte in der Stadt, alle an Roma aus Bulgarien und Rumänien vermietet. Vier Euro habe er pro Quadratmeter monatlich in bar von jedem kassiert. Die Häuser seien stark verwahrlost gewesen. Nach Protesten der Nachbarn kündigte der Vermieter zunächst die Mietverträge in zwei Objekten, das dritte Haus blieb allerdings bewohnt. Erst als die Stadt Wasser und Strom abstellen ließ, konnte sie es als unbewohnbar erklären und räumen. In Hannover forderte die Stadt 2017 mehrfach einen Vermieter auf, sein Haus, das in erbarmungswürdigem Zustand war, zu sanieren. Nach angeblicher Renovierung zogen Romafamilien ein. Schimmel, Müll und Ungeziefer wurden daraufhin für die Nachbarschaft unerträglich. Der Eigentümer klagte gegen einige der Bewohner, da diese keine Miete mehr zahlten, und ließ im Oktober das Gebäude räumen. Die Polizei traf mehrere Familien in einer Wohnung an, obwohl offiziell dort nur zwei Mieter gemeldet waren.

Auch in Berlin sei das Hauptproblem die Verständigung mit dem Eigentümer gewesen, sagt Bezirksstadtrat Gothe. Der Eigentümer ist pensionierter Arzt und besitzt mehrere Objekte in Berlin. Viele davon sollen in ähnlichem Zustand sein. Der Eigentümer bestreite, dass er eine Hausverwaltung für das Objekt eingesetzt habe, sagt Gothe. Vor gut einem Jahr verschwand diese dann auch plötzlich von der Bildfläche. Seither verlangt der Eigentümer angeblich keine Miete mehr von den Bewohnern. Das Bezirksamt forderte den Hausbesitzer mehrfach auf, das Gebäude instand zu setzen, erfolglos.

Rechtlich seien sie gezwungen gewesen, den Kontakt zum Eigentümer zu suchen, sagt Stadtrat Gothe. Doch es habe "quasi keine verlässlichen Verabredungen mit dem Eigentümer" gegeben. Auch auf das Angebot, das Haus zu kaufen, sei er nicht eingegangen. Nachdem die städtischen Wasserbetriebe die Wasserzufuhr stoppten und die hygienischen Zustände nicht mehr tragbar wurden, ordnete das Bezirksamt die Zwangsräumung an.

Mit Holzbrettern verbarrikadierten dann Polizisten am Montag die unteren Fenster des Hauses, damit es niemand mehr betreten kann. Für Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel ist es ein Rätsel, ob der Eigentümer die Zustände bewusst toleriert hat oder einfach überfordert ist. Es werde jetzt individuell entschieden, was mit den Bewohnern passiert. Zwei Kinder wurden in Obhut genommen, bei den Erwachsenen werde jetzt der Aufenthaltsstatus geprüft. Einige werden eventuell die Hilfsangebote der Stadt in Anspruch nehmen oder zunächst in Sozialwohnungen untergebracht. Die meisten aber werden wohl erst mal zu Freunden und Bekannten gehen.