Es ist schon ein paar Jahre her, dass eine Praktikantin beim Goethe-Institut in Peking arbeitete, das damals eine große Ausstellung zu deutscher Kultur ausrichtete. Durch den Saal zogen viele identisch bemützte Besuchergruppen vom Land. Ein junger Mann im roten Gruppenkäppi trat an den Informationstisch und fragte die Praktikantin (die ich selbst war) mit vollendeter Nonchalance:

"Was ist denn nun eigentlich der Unterschied zwischen Deutschland und China?"

Tja. Puh. Ähm.

Eine ähnliche Reaktion ruft die Aufforderung hervor, zu beschreiben, was es heute bedeutet, chinesisch zu sein – welche Chinesen genau? In China leben etwa 1,39 Milliarden Menschen unter äußerst unterschiedlichen Bedingungen: die einen in Megametropolen, die anderen in einem Nomadenzelt auf dem tibetischen Hochland, das sind die Extreme. Der überwältigende Teil der Bevölkerung ist Han (mehr als 91 Prozent), doch gibt es neben ihnen noch 55 weitere Volksgruppen, die sich teilweise sehr von ihnen unterscheiden, zum Beispiel die turkstämmigen Uiguren.

Man trifft in diesem Land auf Atheisten und Daoisten, Mao-Fans und Mao-Hasser, langmütige Eremiten und rumpelstilzchenartige Choleriker, begeisterte Patrioten und überzeugte Regierungskritiker, Taikonauten und männliche Pole-Dancer. Und wenn man Glück hat, begegnet man vielleicht sogar dem Funktionär, der einst eine riesige goldene Buddhastatue errichten ließ. Nur sah Buddhas Gesicht irgendwie anders aus, es glich nämlich dem Funktionär, samt Pausbäckchen und zurückgehendem Haaransatz.

Die Erotik des Essens

In einem Land, das so groß und weit ist wie dieses, gibt es fast nichts, was es nicht gibt – und doch teilen die Menschen bei aller Vielfalt ein paar Gemeinsamkeiten. Das ist nicht nur die zelebrierte Leidenschaft für die chinesische Küche, die, in China genossen, wirklich nichts mit dem Zeugs gemein hat, das in den meisten deutschen Chinarestaurants serviert wird. Denn sie weiß ihren Genießer zu nähren, trösten, heilen, euphorisieren, vor Schärfe dreimal um den Tisch laufen zu lassen. Einige Chinesen behaupten, dass das, was dem Europäer die Erotik ist, dem Chinesen sein Essen sei: rauschhaft zelebrierte Sinnlichkeit.

Es gibt noch viel mehr als das, geteilte Vergangenheit, historische Ereignisse. Und von den unzähligen Erfahrungen, die China prägten, ist eine vielleicht die außergewöhnlichste: der doppelte Wertebruch, den die Kulturrevolution (1966 bis 1976) nach Jahrtausenden kultureller Identität einleitete. Denn in seinem zivilisatorischen Kern war das chinesische Reich lange erstaunlich stabil geblieben.

Natürlich, die Reiche kamen und gingen, es gab Bauernaufstände, Kriege, Erfindungen, verschiedenste intellektuelle Strömungen. Und doch hatte die chinesische Zivilisation immer auf konfuzianischen Werten beruht, auf dem Patriarchat, einem starken Beamtenstaat, auf der Verehrung des Kaisers, beeinflusst vom Buddhismus, dem Daoismus und von Volksreligionen. Selbst wenn Eroberer von außen die Macht übernahmen, die Mongolen oder die Mandschus, eigneten sie sich die chinesische Kultur an.

All das änderte sich mit Mao. Er war – viel stärker als Marx, Engels und die sowjetischen Kommunisten – ein Utopist, in dem Sinne, dass er einen wirklich neuen revolutionären Menschen schaffen wollte. Denn sein Kommunismus vermengte sich mit konfuzianischen Überzeugungen, insbesondere dem Glauben, dass der Mensch sich von Grund auf verändern ließe. Sein Volk, sagte Mao einst, sei wie ein weißes Stück Papier, auf das sich die schönsten Zeichen malen ließen.