Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr die Einreise von 350 Ditib-Imamen genehmigt. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervor, die dem Kölner Stadt-Anzeiger vorliegt. Die deutschen Behörden hätten den Imamen auf Antrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet Arbeitsvisa mit einer Gültigkeitsdauer von 180 Tagen ausgestellt, berichtet die Zeitung. Das Ministerium habe keine Erkenntnisse darüber, ob die Imame das Land nach Ablauf der Frist wieder verlassen haben.

Formal ist der Dachverband der türkischen Moscheegemeinden (Ditib) ein unabhängiger deutscher Verein, doch werden die Imame in den Ditib-Moscheen von Diyanet aus der Türkei entsandt und bezahlt. Der Verband dort untersteht letztlich der Kontrolle des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan

Vorwurf der Bespitzelung

Anfang 2017 wurde bekannt, dass Ditib-Imame in Deutschland tatsächliche oder vermeintliche Kritiker des türkischen Präsidenten bespitzelt haben sollen. Nach monatelangen Spionageermittlungen stellte die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen jedoch ein. Sie konnte den Imamen nicht nachweisen, Anhänger der Bewegung des Predigers und Erdoğan-Kritiker Fethullah Gülen ausgespäht zu haben. 

Die Verfahren gegen sieben der 19 Beschuldigten stellte die Anklagebehörde ein, weil sie sich an unbekanntem Ort im Ausland aufhielten. Bei sieben weiteren wurden die Ermittlungen eingestellt, weil kein ausreichender Tatverdacht bestehe, und bei fünf Imamen wurde von der Verfolgung "wegen Geringfügigkeit" abgesehen.

Größter muslimischer Verband in Deutschland

Auch werden die Diyanet-Imame laut Innenministerium nicht nur in Moscheen der Ditib eingesetzt, 43 von ihnen sind derzeit für die Islamische Gemeinde Millî Görüş (IGMG) tätig. Offenbar handelt es sich dabei um eine Art Leihgeschäft, um einen theologischen Engpass zu überbrücken. Die IGMG habe der Regierung auf Nachfrage mitgeteilt, dass das Modell auslaufe und schrittweise Imame eingestellt würden, die das eigene Nachwuchsprogramm durchlaufen hätten.

Die Ditib ist der größte muslimische Verband in Deutschland: Etwa 900 Gemeinden betreibt er. "Die Bundesregierung ist völlig naiv oder verantwortungslos", sagte Sevim Dağdelen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. "Mehr türkische Diyanet-Imame heißt mehr Erdoğan-Einfluss."