Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, will eine bundesweite zentrale Erfassung judenfeindlicher Vorfälle. Um konkrete Maßnahmen gegen das Phänomen entwickeln zu können, müsse man wissen, "wo sitzt der Antisemitismus ganz genau, wo kommt er her", sagte Klein dem RBB.  

Die Instrumentarien, die es zur Antisemitismusbekämpfung bereits gebe, wolle er schärfen und zusammenfügen, erläuterte Klein. Mit Experten des Bundesinnenministeriums wolle er sich die polizeiliche Kriminalstatistik ansehen, "die bekanntlich über 90 Prozent der Straftaten rechtsextremen Tätern zuweist". Zudem solle überlegt werden, wie der Vorschlag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, umgesetzt werden könne, "eine niedrigschwelligere Erfassung von Vorfällen unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu organisieren".

Auch der innenpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion, Mathias Middelberg, fordert eine gezieltere Bekämpfung von Antisemitismus. Es gebe noch immer kein hinreichendes Lagebild über den Hintergrund judenfeindlicher Übergriffe, kritisierte der CDU-Politiker in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Erfassung antisemitischer Straftaten müsse differenzierter werden. Es brauche einen Überblick, wie und in welchem Ausmaß Rechtsextreme an Straftaten beteiligt seien und inwieweit Anfeindungen aus dem arabisch-muslimischen Milieu kämen.

Hassverbrechen - Gibt es mehr antisemitische Straftaten? Die Zahl der antisemitischen Straftaten hat in den letzten Jahren zugenommen. Was Hasskriminalität ist und welche Tätergruppe die größte ist, sehen Sie im Video. © Foto: Liza Arbeiter

Der Jüdischen Allgemeinen sagte Klein, dass es keine "Patentrezepte" gegen Antisemitismus gebe. "Es ist eine mittel- und langfristige Herausforderung, dass sich gesellschaftlich etwas verändert." Am Vorabend hatten nach Polizeiangaben mehr als 2.000 Menschen in Berlin gegen Antisemitismus und für Toleranz und Zivilcourage demonstriert.

Berlin trägt Kippa

Der israelische Oppositionspolitiker Yair Lapid kritisierte den Zentralratspräsidenten Josef Schuster: "Wir Juden dürfen nicht kapitulieren", sagte er der Welt. Schuster hatte gewarnt, Juden in Deutschland sollten öffentlich keine Kippa tragen. "Ein solcher Aufruf ist eine bedauernswerte Fehlentscheidung, und ich rufe Josef Schuster auf, sich davon zu distanzieren." Juden dürften einen "Appell, sich zu verstecken, nicht hinnehmen".

Statt an Juden hätte Schuster seinen Appell an die Bundesregierung richten müssen, so Lapid. Wenn Juden nicht mit einer Kippa in der Öffentlichkeit auftreten könnten, müsse Deutschland mehr Polizisten abstellen, um sie zu schützen. Den Juden riet er: "Dann tragt eben die Kippa und einen Stock, um euch zur Not zu verteidigen." Auch Lapid hatte am Mittwochabend in Berlin an der Solidaritätskundgebung teilgenommen.

Die Kundgebung vor dem Jüdischen Gemeindehaus in Charlottenburg stand unter dem Motto "Berlin trägt Kippa". Auch viele nichtjüdische Teilnehmer setzten sich die traditionelle jüdische Kopfbedeckung auf. Ähnliche Veranstaltungen gab es auch in anderen deutschen Städten. Ein Anlass war der Angriff eines Arabisch sprechenden Mannes auf zwei Kippa tragende Israelis in der vergangenen Woche in Berlin.