Mehr als einen Monat nach dem Giftanschlag geht es dem ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal deutlich besser. Das berichteten seine Ärzte in der südenglischen Kleinstadt Salisbury. Er sei nicht mehr in kritischem Zustand. Am Donnerstag hatte sich seine Tochter Julija gemeldet. Ihr gehe es von Tag zu Tag besser, ließ sie mitteilen. Bereits vor einer Woche sei sie aufgewacht, teilte die 33-Jährige mit.

Die Klinikchefin, Christine Blanshard, sagte, der Zustand Sergej Skripals würde sich "rasch verbessern". Auch der Zustand von Julija Skripal sei stabil. Die 33-Jährige hatte am Donnerstag über ihre Fortschritte bei ihrer Genesung berichtet. Sie äußerte sich in ihrem von Scotland Yard verbreiteten Schreiben aber weder zum Gesundheitszustand ihres Vaters noch zu eventuellen Motiven oder Beobachtungen kurz vor der Tat.

Die Skripals waren am 4. März bewusstlos im englischen Salisbury aufgefunden worden und werden seitdem im Krankenhaus behandelt. Die britische Regierung macht Russland für den Giftangriff verantwortlich. Ihren Erkenntnissen nach wurden die Skripals mit Nowitschok vergiftet – einem Mittel, das in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt wurde.

Russland soll noch immer mit Nowitschok experimentieren

Der britische Botschafter in Deutschland, Sebastian Wood, hat Russland beschuldigt, noch immer mit dem Nervengift Nowitschok zu experimentieren. Im Deutschlandfunk sagte er, es sei nicht nur bekannt, dass der Typ des Nervengiftes ursprünglich in Russland entwickelt worden sei. Der britische Nachrichtendienst habe darüber hinaus Belege dafür, dass die russische Regierung ein geheimes Programm zu dem Nervengift beibehalten habe. Russland habe sogar Experimente durchgeführt, wie kleine Mengen verabreicht werden könnten, um Menschen zu töten, sagte der Botschafter weiter. Es sei höchstwahrscheinlich so, dass der Anschlag im Auftrag des russischen Staates geschehen sei.

Russland weist jede Verantwortung für den Giftangriff zurück. In einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York sprach der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja von einem "Propagandakrieg", der gegen sein Land angezettelt werde. Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce entgegnete, die Londoner Regierung habe vollkommen im Einklang mit internationalen Konventionen gehandelt.

Unterdessen untersucht die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) Proben, die sie in Salisbury genommen haben. Ergebnisse werden für die kommende Woche erwartet.

In einem Labor des britischen Verteidigungsministeriums sollte bewisen werden, dass das Gift aus Russland stammt. In den Tests konnte lediglich festgestellt werden, dass es sich um Nowitschok handelte. Laut dem Laborleiter ist nur ein staatlicher Akteur in der Lage, das Gift herzustellen.

Medienbericht sieht Ursprung des Gifts in Schichany

Die britische The Times berichtet, das Nervengift stamme aus einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany. Dort seien kleinere Mengen des Kampfstoffs Nowitschok gelagert worden, berichtete die britische Zeitung. Die Einrichtung liegt im Gebiet Saratow an der Wolga. Geheimdienstinformationen wiesen klar auf Schichany hin, sagte demnach der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon. Die dort gelagerten Mengen seien ausreichend für Attentate, aber zu gering für militärische Einsätze gewesen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Gift aus anderen Laboratorien der früheren Sowjetunion stamme, etwa aus der Ukraine oder Usbekistan.

Die russische Regierung wies den Bericht zurück. "Alle Standorte, an denen Chemiewaffen gelagert wurden, sind bekannt. Schichany gehört nicht dazu", sagte Michail Babitsch, der Kremlvertreter im Föderationskreis Wolga, der Agentur Interfax. Russland hat nach eigener Darstellung alle seine Chemiewaffen zwischen 2002 und 2017 vernichtet. Die OPCW habe dies bezeugt.

In Schichany befindet sich eine Niederlassung des Forschungsinstituts Gosniiocht. Nach eigener Darstellung befasst sich die Einrichtung mit Sicherheitsfragen im Chemiebereich und hatte Technologien zur Vernichtung von C-Waffen entwickelt. Schichany mit rund 6.000 Einwohnern liegt etwa 800 Kilometer südöstlich von Moskau.