Es ist der Schutz anderer, der Akosua Asabea den Weg zu ihrem Recht erschwert. Das hat die Ghanaerin verstanden, seit sie vor eineinhalb Jahren begann, um ihren Lohn zu kämpfen. Vier Jahre hatte sie in Berlin für eine Botschaftsrätin ihres Heimatlandes gearbeitet. Einen monatlichen Lohn dafür, so sagt sie, habe sie nie bekommen. Laut Berechnungen ihrer Anwältin hätte die Diplomatin ihr insgesamt 86.000 Euro zahlen müssen. Auf diese Summe habe die 54-jährige Ghanaerin einen Anspruch. Dennoch gibt es kein Gerichtsverfahren, keinen Vergleich, nicht einmal ein Angebot.

Von dem besonderen Schutz wusste Akosua Asabea nichts, als sie sich um den Haushalt und um eines der Kinder ihrer Arbeitgeberin kümmerte. Immunität war ihr kein Begriff. Noch nie hatte sie von der Wiener Konvention gehört, in der 1961 festgeschrieben wurde: Diplomaten können nicht vor das Gericht eines fremden Landes gestellt werden – als Schutz für ihre Arbeit, als Schutz für ihr Leben.  

Deutschland hat einen guten Ruf in der Welt. Akousa Asabea glaubt daher fest daran: Eines Tages wird sie ihren Lohn bekommen. Dabei spricht gerade nichts dafür, dass sie jemals auch nur einen Bruchteil erhalten wird.

Wie eine Schwester

Als Akosua Asabea 2012 mit der Diplomatin aus Ghana nach Deutschland ging, empfand sie das zunächst als große Ehre. Sie hatte schon mit zehn Jahren einen Job als Kindermädchen in deren Familie angenommen. Die Botschaftsrätin sei wie "meine Schwester" gewesen, erzählt sie in ihrer Landessprache Twi. Sie ist nach Berlin-Mitte in das Büro des Vereins Ban Ying gekommen, der Hausangestellte wie Akosua Asabea unterstützt. "Haus der Frauen" heißt der Vereinsname aus dem Thailändischen übersetzt. Das Büro ist ein Ort, an dem sie sich sicher fühlt. Die 54-Jährige spricht kein Englisch, in ihrer Heimat ist sie nie zur Schule gegangen.

Aus dem familiären Miteinander mit der Diplomatin und "Schwester" sei in Deutschland ein Klima der Angst geworden, erzählt Asabea. Dreimal täglich habe die Arbeitgeberin angerufen, um zu kontrollieren, dass die Angestellte das Haus nicht verließ. Pass, Krankenkassen- und Bankkarte hatte sie abgeben müssen. Sie durfte nicht zum Arzt gehen, hatte kein eigenes Zimmer, arbeitete fast täglich von 6.20 Uhr bis zehn oder elf Uhr am Abend. Sonntags, wenn sie gemeinsam zur Kirche gingen, war es ihr untersagt, mit jemandem zu sprechen. Fragte Akosua Asabea ihre Chefin, wann sie denn bezahlt werde, brach Streit aus. 950 Euro im Monat waren ihr zugesichert worden. So steht es in einem Arbeitsvertrag, den alle Diplomaten in Deutschland für ihre privaten Hausangestellten unterschreiben müssen. 

Das Auswärtige Amt schreibt dies vor. Es ist eine Schutzmaßnahme, die der Verein Ban Ying für Hausangestellte durchgesetzt hat. Seit 2002 kooperiert die Organisation mit dem Auswärtigen Amt.

Als Akosua Asabeas Mutter stirbt und sie kein Geld hat, um etwas für die Beerdigung zu schicken, stellt sie sich die Frage: Was mache ich noch hier? Es ist der Wendepunkt: Im Mai 2016 meldet sie sich bei der Hilfsorganisation Ban Ying, die sie in einer Zufluchtswohnung unterbringt. Seitdem bekommt sie dort Unterstützung.

Das Gefühl, über dem Recht zu stehen

Die promovierte Sozialarbeiterin Babette Rohner arbeitet seit 18 Jahren für den Verein Ban Ying. Wenn Hausangestellte ihr von Ausbeutung durch Diplomaten erzählen, hört sie immer wieder einen Satz: "Du kannst mir gar nichts." Darin spiegelt sich für Rohner eine typische Haltung wider. Es ist das Gefühl, etwas Besseres zu sein, gar über dem Recht zu stehen.

In den vergangenen zehn Jahren hat der Verein 67 Hausangestellte von Diplomaten in Berlin unterstützt, die ausgebeutet oder misshandelt wurden. Die Dunkelziffer dürfte groß sein. Eigentlich müssen Hausangestellte von Diplomaten beim Außenministerium in Berlin angemeldet werden. Aktuell sind das 121 Hausangestellte, die meisten von den Philippinen. Doch wie viele Hausangestellte zudem illegal im Land sind, ist unklar. Sie tauchen in keiner Statistik auf. Dass es sie gibt, bestätigen Mitarbeiterinnen von Ban Ying. Das Außenministerium lehnte eine Interviewanfrage zu dem Thema ab.

Rückkehr nach Ghana ausgeschlossen


Vielen Frauen ist das Risiko zu hoch, mit Journalisten über ihre Geschichte zu sprechen. Die wenigsten Fälle werden deshalb öffentlich. Seit Akosua Asabea vor zwei Jahren mit ihren Erfahrungen an die Presse ging, hat keine andere Betroffene mehr diesen Schritt gewagt. Auch die Ghanaerin hat ein Pseudonym gewählt, um ihre Identität zu schützen. Trotzdem habe sie mit dem Schritt in die Öffentlichkeit jede Chance verloren, in ihre Heimat zu ihren zwei Kindern und fünf Enkeln zurückzukehren, sagt sie. Ihre Arbeitgeberin sei gut vernetzt in Ghana, habe Kontakte in die Politik und zum Militär. Daher fürchtet sie um ihr Leben, wenn sie nach Hause zurückkehrt.

Akosua Asabea versucht, so oft es geht, mit ihrer Familie zu telefonieren. Freunde habe sie in Deutschland bislang nicht gefunden, sagt sie, aber Frauen, denen Ähnliches widerfahren sei. Sie hat sie bei einem Theaterprojekt kennengelernt, einem Projekt für Frauen, die Arbeitsausbeutung oder Gewalt erfahren haben. Akosua Asabea sagt, Theaterspielen sei für sie wie Therapie. In dieser Zeit könne sie verdrängen, was passiert ist. Einfach frei lachen.

Im Januar vergangenen Jahres steht sie zum ersten Mal auf einer Bühne. Die Aufführung findet an einem geheimen Ort statt, alle Zuschauer sind geladene Gäste, ein Vertrauenskreis, es gibt keine Plakate, keiner kennt die Namen der Schauspielerinnen. Es ist das Theater der Anonymen. Die Kulisse ist schwarz, als sollte keiner der Zuschauer vergessen, welche Farbe die Geschichten der Schauspielerinnen haben.

Akosua Asabea steht Schulter an Schulter mit den Frauen in einer Reihe. Sie tippelt mit den Füßen, singt leise mit starrem Gesicht. Es ist ein bekanntes Kinderlied, doch der Text hat eine andere, dramatische Botschaft. Sie handelt von Selbstbehauptung. Akosua Asabea versteckt ihre Hände hinter dem Rücken.

"Meine Hände sind verschwunden,
ich habe keine Hände mehr."
Sie streckt die Arme vor ihre Brust aus. Die Finger wirken wie kraftlos. Sie singt:
"Seht, da sind meine Hände wieder."
Sie verdeckt mit den Händen ihren Mund und singt:
"Mein Mund, der ist verschwunden,
ich habe keinen Mund mehr."
Sie lässt die Hände fallen.
"Seht, da ist mein Mund wieder."

Die schweigende, hilflose Frau hat sich verwandelt. Sie wehrt sich jetzt.

Der Kampf um Akosua Asabeas Lohn begann 2016 in einem Büro des Auswärtigen Amtes. Babette Rohner von Ban Ying begleitete die Ghanaerin, die dort ihrer Arbeitgeberin und der ghanaischen Botschafterin gegenübersaß. Rohner beobachtete, wie Asabea damals noch zwischen zwei Rollen schwankte: der Rolle einer mutigen Frau, die für ihr Recht einsteht. Und der einer Dienenden, die immer wieder den Kopf senkt, zu Boden blickt und "Yes, Madame" antwortet. Ein Muster, das Rohner auch bei anderen Hausangestellten beobachtet hat.

Mediation statt Gerichtsverfahren

Das Gespräch beim Auswärtigen Amt sollte ein Ersatz für ein Gerichtsverfahren sein. Seit 2007 bietet das Ministerium solche Mediationen in Kooperation mit dem Verein an. Es sind Treffen, von denen nichts an die Öffentlichkeit dringt. Das Ministerium versteht sich in diesen Gesprächen als neutraler Vermittler.

Babette Rohner von Ban Ying, die an fast allen Mediationen teilgenommen hat, kritisiert allerdings, dass die Qualität der Mediationsgespräche schwanke. "Manchmal ging es in den Gesprächen mehr darum, ob die Hausangestellten auch wirklich ihren Pflichten nachgekommen sind." Die Ergebnisse der Mediationen waren für Rohner oftmals enttäuschend: In manchen Fällen sei statt des zustehenden Lohns nur ein symbolischer Betrag angeboten worden, zum Beispiel 1.000 Euro.

Im Fall der Ghanaerin Akosua Asabea gab es erst gar kein Angebot – nach drei Mediationen scheiterten die Gespräche. Für Rohner ist das ein Zeichen, dass die Schlagkraft der Mediationen schwindet. Bei einem aktuellen Versuch, den Lohn für eine Frau einzufordern, sei erst gar keine Mediation mehr zustande gekommen. Das hatte Rohner noch nie erlebt. Die Mediation sei nicht abgesagt, sondern auf diplomatischem Weg verhindert worden: Sie wurde verschoben und verschoben und verschoben. Über Monate hinweg. Rohner kritisiert, das Auswärtige Amt lasse sich "vorführen". Offenbar seien diplomatische Beziehungen wichtiger als die Hausangestellten.

Dafür spreche auch, dass das Auswärtige Amt entscheidende Verbesserungen für die Hausangestellten ablehne. Rohner fordert beispielsweise, dass der Aufenthaltsstatus der Hausangestellten nicht ausschließlich an einen Diplomaten gebunden sein dürfe, sondern ein Arbeitgeberwechsel zu einem anderen Diplomaten erlaubt werden müsse. Außerdem müssten den Diplomaten eines Landes notfalls neue Hausangestellte verweigert werden, wenn gravierende Vorwürfe im Raum stünden. 

Nach Angaben von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, die inoffiziell mit ZEIT ONLINE sprachen, hat es das allerdings noch nie gegeben. Das Ministerium könnte theoretisch sogar einen Diplomaten zur Persona non grata, also zur unerwünschten Person erklären. Das allerdings ist wegen des Umgangs mit Hausangestellten noch nie passiert. Rohner findet das enttäuschend: "Wir haben Menschenrechtsverletzungen, Erniedrigungen, Misshandlungen. Was braucht das Auswärtige Amt noch für Fälle, um sich einmal öffentlich für die Hausangestellten stark zu machen?"

Eine Person als Persona non grata zu bezeichnen, ist die härteste Maßnahme im diplomatischen Instrumentenkasten. Insider erzählen, dass auf solch einen Schritt immer eine Retourkutsche folgt. Lösungen würden daher bewusst oft fern der Öffentlichkeit gesucht, mit behutsameren Mitteln.

Auch Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin verlangt, dass es dennoch faire Lösungen geben müsse. Es sei unerlässlich, dass Hausangestellte von Diplomaten zu ihrem Recht kommen. Dabei gehe es in einigen Fällen auch um die Zahlung von Schmerzensgeld. "Hausangestellte brauchen einen Weg, bei besonders schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen ihre Rechte auch gegen Diplomaten durchsetzen zu können", sagt die Juristin.

Musterprozess gegen Botschaftsattaché

Vor sieben Jahren hat sie erstmals versucht, für die Hausangestellte Dewi Ratnasari einen Musterprozess vor Gericht durchzuziehen. Die Indonesierin hatte 19 Monate lang täglich bis zu 18 Stunden für einen saudischen Botschaftsattaché gearbeitet. Doch der Plan scheiterte. Als der Fall nach fast zwei Jahren vor das Bundesarbeitsgericht kam, reiste der beschuldigte Diplomat aus. Damit erlosch seine Immunität in Deutschland. Der Fall hatte keine Grundlage mehr. Immerhin konnte das Institut wenigstens einen Vergleich für Dewi Ratnasari aushandeln. Die Indonesierin erhielt 35.000 Euro, das war die Hälfte dessen, was die Anklage gefordert hatte. Seither wartet Rabe auf eine neue Gelegenheit, durch alle Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Sie möchte von den obersten Richtern klären lassen, was mehr wiegt: Menschenrechte oder Immunität.  

Theoretisch hat auch die Ghanaerin Akosua Asabea die Möglichkeit, vor Gericht ihr ausstehendes Gehalt zu erstreiten – denn die Botschaftsrätin hat inzwischen das Land verlassen. Nur in der Praxis ist der Weg zur Gerechtigkeit verstellt.

Die fünfseitige Klage von Akosua Asabea liegt dem Berliner Arbeitsgericht bereits vor. Das Verfahren kann aber erst beginnen, wenn das Dokument der damaligen Botschaftsrätin zugestellt wird – per Post. Doch wenn Fälle über Ländergrenzen hinweg verlaufen, dann scheitern Verfahren manchmal an Vorgaben, die eigentlich simpel erscheinen.
Weder das Auswärtige Amt noch die Senatsverwaltung Berlin haben eine Adresse der ehemaligen Arbeitgeberin. Das Schreiben einfach an das Außenministeriums Ghanas oder die Botschaft zu schicken, ist nicht erlaubt. 

Die Hilfsorganisation Ban Ying hat vieles versucht, sogar Bekannte in Ghana gebeten, zu helfen. Doch in Ghana gibt es keine Briefkästen, die vor den Wohnhäusern stehen. Es gibt Postfächer, die irgendwo im Land sein können. Wenn man keine Nummer hat, kann man nicht zustellen. Und wenn man nicht zustellen kann, gibt es kein Verfahren. Deshalb herrscht Stillstand seit September 2016.

Das Schlimme daran: Mit jedem Tag verfällt ein Teil von Akosua Asabeas Lohn, den sie vor Gericht geltend machen wollte. Denn in Deutschland gilt: Nur bis zu drei Jahren nach der geleisteten Arbeit kann der Lohn eingeklagt werden. Ihren Lohn für 2012 und 2013 und 2014 hat sie also schon verloren. Das Urteil eines deutschen Gerichts in Ghana zu vollstrecken, das wäre eine weitere Hürde, die Akosua Asabea nehmen müsste. Doch so weit wird es vermutlich nie kommen. Ihr Scheitern ist schon vorher angelegt.