Sie mussten ihre Heimat verlassen und machten sich auf den Weg nach Deutschland. Wie ist es ihnen ergangen? In der Serie Angekommen? erzählen wir Geschichten vom Fremdsein und heimisch werden.

Amira Magomadova* könnte heute Zahnarzthelferin sein. Die 18-Jährige könnte morgens in eine helle, moderne Praxis gehen. Abends könnte sie im Münchner Ostpark spazieren gehen. Nur für sich, weil sie es liebt, wenn sich das Orangene und Gelbe im Abendhimmel mischen und keine Menschen zu hören sind. Am Monatsende könnte sie sich von ihrem kleinen Gehalt eine kleine Freude machen, vielleicht sogar irgendwann eine eigene Wohnung mieten. 

Aber so ist es nicht gekommen. Stattdessen lebt Magomadova noch immer in einer Flüchtlingsunterkunft und geht kaum raus. Sie hat Angst vor Männern wie K.

Am 19. September 2016, es war bereits dunkel, fuhr Magomadova mit ihrer Mutter U-Bahn. Sie lebte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre in München, hatte dort einen Mittelschulabschluss gemacht und eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten begonnen. Nach Feierabend traf sie ihre Mutter, die Frauen kauften gemeinsam ein, Brot und Gemüse. Am Hauptbahnhof stiegen sie in die U5 Richtung Neuperlach Süd. Sie unterhielten sich, als ein Betrunkener von hinten auf sie zukam und schmutzige Servietten auf die Mutter warf. Sein Name war K. Er kam gerade vom Oktoberfest

Als sich Magomadova zu ihm umdrehte, lachte er. Dann ging sein Lachen in Beschimpfungen über. Er sagte, muslimische Frauen seien Hurentöchter. Er hasse Muslime, alle Deutschen hassten Muslime. Wir sollten verschwinden und dahin gehen, wo wir herkommen, erinnert sie sich.

Die anderen Passagiere sahen weg

Heute sitzt Magomadova in einer Münchner Beratungsstelle für Opfer rassistischer Gewalt. Um ihr Gesicht hat sie ein Kopftuch aus weichem, violetten Stoff mit kleinen Perlen gewickelt, ihre Hände umklammern ein Glas mit sprudelndem Wasser, ihr Blick richtet sich auf den leeren Tisch. Den Treffpunkt hatte sie vorgeschlagen, weil sie sich hier sicherer fühlt als an einem öffentlichen Ort. Sie heißt nicht wirklich Amira Magomadova, aber ihren Namen will sie nicht veröffentlicht sehen, weil sie Angst hat, erneut Opfer werden zu können.

Je länger der Mann in der U-Bahn schimpfte, desto wütender wurde Magomadova: über ihn und all die anderen Männer, die sie in den vergangenen Jahren wegen ihres Kopftuches auf der Straße angerempelt, beschimpft und ausgelacht hatten, oder die ihre Hunde von der Leine gelassen und auf sie gehetzt hatten. Und sie tat etwas, das sie nie zuvor getan hatte: "Ich sagte ihm, er solle seinen Mund halten, weil da nur schlechte Wörter rauskommen." Zur Antwort schlug K. ihr mit der Faust ins Gesicht

Die anderen U-Bahn Gäste starrten auf ihre Smartphones und in ihre Bücher. Magomadova war immer noch wütend. Sie sagte K., sie rufe die Polizei, wenn er nicht aufhöre. Er schlug ein weiteres Mal zu.

Dann ging alles ganz schnell: Ein junger Mann stand auf und zog den Angreifer weg. Eine Frau rief Magomadova zu, sie solle den Notrufknopf drücken. Benommen drückte sie ihn. Jemand filmte die Szene. Die Mutter, die kein Deutsch sprach, griff nach ihrem Regenschirm und stellte sich drohend dazwischen. Die Bahn hielt am Odeonsplatz an. U-Bahn-Wächter kamen. Als sie K. auf die Tat ansprachen, sagte er, er kenne die Frauen nicht und habe sie nie angefasst.

Danach konnte Magomadova das Haus nicht mehr verlassen. "Ich hatte Angst, dass das wieder passiert." Nichts an dem Mann habe den Eindruck erweckt, dass er zuschlagen würde. Er habe ausgesehen wie viele Männer: nicht groß oder klein, ein bisschen breiter vielleicht, aber nicht besonders muskulös. Kein Schlägertyp, keine Neonazisymbole. Wenn sie die Gefahr diesmal falsch eingeschätzt hatte – was würde sie vor dem nächsten Angriff bewahren? Diese Frage lähmte sie monatelang.

*Name geändert

Flucht vor der Gewalt

Dabei kannte Magomadova Gewalt lange vor K. Die Familie kommt aus Tschetschenien. 1999 bis 2009 war dort Krieg. Magomadova war damals ein kleines Kind. Ständig klopfte es an der Tür. "Wenn ich durch das Guckloch schaute, standen da Russen mit Pistolen. Ich habe mich immer unter dem Sofa versteckt. Sie sind dann reingekommen und haben irgendwas gesucht. Manchmal haben sie meinen Vater mitgenommen", erzählt sie. Eines Tages wurde nicht mehr nur geklopft, sagt sie, eines Tages schlug eine Bombe in das Haus ein. 

Die große Schwester sei dabei fast gestorben. Die Ärzte sagten damals, 45 Prozent ihres Körpers seien verbrannt und gaben ihr nur eine kleine Überlebenschance. Die Mutter entschied, mit den drei Kindern nach Europa zu gehen. Dort werde alles besser, versprach sie ihnen. Dort könne die Schwester in einem Krankenhaus behandelt werden und der kleine Bruder, seit der Geburt blind, könne auf eine Blindenschule gehen. Der Vater blieb zurück, um sich um die kranke Großmutter zu kümmern.

In Europa aber irrten Mutter und Kinder jahrelang umher, weil sie kein Asyl bekamen. Nach jeder Absage zogen sie ins nächste Land. Sie schliefen in Österreich bei kirchlichen Einrichtungen und in Belgien auf der Straße. Magomadova wechselte zwanzigmal die Schule und kam zwanzigmal neu an. Sie fragte ihre Mitschüler nach Hefteinträgen mit dem Unterrichtsstoff und lernte, bis sie alle Prüfungen bestand.

Das neue Leben fiel auseinander

Was dann aber zu viel war, waren die Faustschläge in der U-Bahn. Vielleicht hatte sie schon zu viel Gewalt und Schmerz erlebt, um auch das noch zu ertragen. Vielleicht war sie danach so verstört, weil sie im vermeintlich sicheren Deutschland geschlagen wurde. So genau kann Magomadova das nicht erklären.

Ihre Ausbildung brach sie ab. Sie fand keine Kraft mehr, sie schaffte es ja kaum noch, das Bett zu verlassen. "Ich wollte alleine sein, ich habe mich für gar nichts mehr interessiert", sagt sie. Die Außenwelt und ihre Unberechenbarkeit machten ihr Angst. Die Zeit vertrieb sie sich auf Instagram. Dort hat sie zwei Konten: eins für Freundinnen und lustige Videos, und eins nur für Naturbilder. "Ich mag die Schönheit der Natur", sagt sie.

Ihr linkes Auge machte Probleme. Schon vorher schielte es, nach dem Schlag drehte sich ihre hellbraune Iris nach außen, bis fast nur noch der weiße Augapfel zu sehen war. Wenn sie sich vor den Spiegel stellte, schämte sie sich. 

Die Mutter sah machtlos zu, wie das neue Leben der Tochter auseinanderfiel. Der Vater ließ die kranke Großmutter zurück, wegen der er in Tschetschenien geblieben war, um für seine Tochter in Deutschland da zu sein. Hier machten die beiden ihre ersten gemeinsamen Schritte draußen. Er erkundete sein neues Zuhause, sie eroberte sich ihres wieder. Sie sprachen leise, gingen langsam. Manchmal drehte sich Magomadova panisch um und der Vater wurde traurig.

Dann fand sie die Postkarte. Sie lag in ihrer Flüchtlingsunterkunft. "Before" stand auf der einen Seite, auf der anderen: "Sie wurden diskriminiert? Sie wurden bedroht oder angegriffen? Wir sind für Sie da." Dazu eine Telefonnummer. Magomadova rief an. Wenige Tage später kam eine Frau namens Christine Umpfenbach zu ihr und hörte sich die ganze Geschichte an. Umpfenbach ist eigentlich Theaterregisseurin, sie engagierte sich nach einer Arbeit zu den NSU-Morden aber bei der Opferberatung Before. Von da an ging es bergauf.

Begleitet zurück in die Welt

Jetzt konnte Magomadova von sich und von dem Angriff in der U-Bahn erzählen, ohne damit ihre Familie zu belasten. Noch am gleichen Tag zeigte sie K. an. Mit Umpfenbach sei sie zusammen U-Bahn gefahren, immer wieder, erzählt sie. Die beiden organisierten eine Operation für das kranke Auge und meldeten Magomadova wegen der Angst bei einer Therapeutin an. Die sagte ihr, sie solle ihre Augen schließen und sich Gutes vorstellen: Tage, an denen sie fröhlich war. Orte, an denen etwas Schönes passierte. Ruhig atmen. Beim ersten Mal wollte das nicht klappen, auch beim zweiten Mal nicht. Erst beim dritten Mal verlangsamte sich ihr Atem. Die Methode hat Magomadova sich bis heute beibehalten. Mit Umpfenbach besuchte sie auch einen Selbstverteidigungskurs bei der Polizei. Da lernte sie, für den Fall eines Angriffs immer einen Schlüssel in der Hand zu halten.

Ich will ein Mensch sein, der alles durchmachen kann. Der alles aushalten kann.
Amira Magomadova

Dann kam der Prozess. Magomadova ließ sich von Umpfenbach begleiten, das half ihr. Das Amtsgericht München verurteilte K. zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung. Außerdem muss er Magomadova 800 Euro Schmerzensgeld zahlen. Die Tat sei "sinnlos, grundlos und penetrant" gewesen, heißt es im Urteil. K. war vorverurteilt. Er hatte bereits mehrmals Menschen in der Öffentlichkeit rassistisch beleidigt und geschlagen. K. hat einen festen Job in der Gastronomie und zieht mit seiner Freundin den gemeinsamen Sohn groß.

Auch Magomadovas Mutter erhielt eine Geldstrafe von 450 Euro, weil sie K. mit dem Regenschirm bedrohte, obwohl keine Gefahr mehr bestand. "Ich habe nur Hass auf ihn, sonst nichts", sagt Magomadova. Der Täter habe sich vor Gericht entschuldigt, "aber ich finde das nicht ehrlich". Wäre er ein ehrlicher Mensch, glaubt Magomadova, hätte er nach 14 ähnlichen Angriffen nicht noch den 15. draufgesetzt.

Erhöhte Aufmerksamkeit

Heute, sagt Magomadova, sehe sie sich die Leute in ihrer Umgebung ganz genau an. "Ich schaue, wer mit mir einsteigt, wer neben mir in der U-Bahn steht, wer da sitzt. Und wenn ich Leute sehe, die mich angreifen könnten, steige ich in einen anderen Wagon ein." Woran sie festmacht, das jemand gefährlich sein könnte, kann sie nicht sagen. Es sei so ein Gefühl, sagt sie schulterzuckend. 

Langsam kommt ihr Ehrgeiz zurück. Sie bewarb sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus, und weil das nicht klappte, sucht sie nach Arbeit im Einzelhandel. Sie besucht Deutschkurse.

"Ich kann hier mit Bildung etwas schaffen", ist sie überzeugt. Die neue Beständigkeit tut ihr gut. Sie wohnt seit drei Jahren in der gleichen Stadt, mittlerweile mit beiden Eltern, beiden Geschwistern und in Frieden. "Wir haben noch nie so gelebt", sagt sie. Die Behörden ließen sie lange Zeit in Ruhe, weder kam eine Aufenthaltsgenehmigung noch ein Abschiebebescheid. "Vielleicht war das ein Glück, das uns passiert ist", sagt sie mit leiser Stimme.

Sie will unbedingt in Deutschland bleiben, trotz der Vorfälle wie in der U-Bahn. "Ich will ein Mensch sein, der alles durchmachen kann. Der alles aushalten kann. Der nie aufgibt", sagt Magomadova.

Doch im Februar erhielt die Familie einen Brief von der Ausländerbehörde. Der Asylantrag von Amira Magomadova wurde abgelehnt. Sie hat Widerspruch eingelegt.